Wechselvolle Unternehmensgeschichte

von LeserReporter Ute Blauert aus Bobingen
Die Königsbrunner Stadtarchivarin Susanne Lorenz, Kulturamtsleiterin Ursula Off-Melcher und Referent Fred Jakobs (von links). Im Hintergrund ein Bild des BMW-Gebäudes an der Moosacher Straße in München.

Beim diesjährigen Vortrag in der Reihe „Königsbrunner Archivherbst“ führte BMW-Chefarchivar Fred Jakobs in zwei Stunden durch 103 Jahre Firmengeschichte.
Mit Flugzeugmotoren fing es an bei BMW, den Bayerischen Motorenwerken, und zwar in kleiner Stückzahl, denn „1916 interessierten sich nur Spinner und Militärs für Flugzeuge“, wie Fred Jakobs erläuterte. Jakobs sprach beim sehr gut besuchten „8. Königsbrunner Archivherbst“, den Stadtarchivarin Susanne Lorenz und Kulturamtsleiterin Ursula Off-Melcher gemeinsam auf die Beine gestellt hatten. Jakobs‘ reich bebilderter Vortrag wurde musikalisch umrahmt von Giampiero Lucchini mit auto- und reiseverwandten Liedern. Bei dem Schlager „Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen“ sang das Publikum fröhlich mit beim Refrain mit dem Text „Rada rada radadadada“.
Die „Bayerischen Flugzeugwerke“ übernahmen 1916 zwei pleite gegangene Flugmotorenwerke. „Dies gilt als die Geburtsstunde von BMW“, so Jakobs. Damals erlebte der Flugzeugbau einen Aufschwung infolge des Ersten Weltkriegs. 1919 erreichte Franz Zeno Diemer in einem offenen Doppeldecker mit BMW-Motor eine Flughöhe von 9760 Metern, Weltrekord. In dieser Höhe enthält die Luft wenig Sauerstoff und ist minus 50 Grad kalt. Kurze Zeit später trat der Versailler Vertrag in Kraft, der die Fliegerei in Deutschland verbot. BMW sattelte um auf Motoren für Boote, Lastwagen und Motorräder, mit geringem Erfolg. Die Rettung brachten Auftragsfertigungen für die Firma „Knorr Bremse“. Es wurden Bremsen für die Deutsche Reichsbahn gebaut, das Werk an der Moosacher Straße in München war plötzlich ausgelastet und bald zu klein. BMW zog um an die Lerchenauer Straße, wo das Werk heute noch zu finden ist. Das Gebäude an der Moosacher Straße wurde 2016 zurück gekauft und beherbergt heute Jakobs‘ Arbeitsplatz, das BMW-Archiv.
1923 wurden die Versailler Bestimmungen gelockert und BMW konnte Flugzeugmotoren im Ausland produzieren lassen. Sie verkauften sich immer besser, denn Flugzeuge wurden nun in geschlossener Form gebaut, die zivile Luftfahrt entwickelte sich und 1926 wurde die Lufthansa gegründet. In den 30er Jahren baute die Firma Junkers BMW-Motoren in ihr erfolgreiches Modell „Ju 52“ ein. Ab 1934 wurde auch die Luftwaffe beliefert. Um die Geschäfte mit den Nazis zu verschleiern, gründete BMW mehrere Tochterfirmen und verflocht sie so kompliziert miteinander, dass kaum jemand einen Überblick gewinnen konnte. Mit Kriegsbeginn wurden männliche Arbeiter knapp. Um die Lücken zu füllen, wurden zunächst Frauen eingestellt, dann „Fremdarbeiter“ aus dem Ausland und schließlich Zwangsarbeiter. Dieses dunkle Kapitel der Firmengeschichte wurde von BMW lange geleugnet. Erst 1983 bekannte sich das Unternehmen öffentlich zu seiner Verantwortung für Zwangsarbeit. 1955 wurde das Flugmotorengeschäft an MAN verkauft, von dort ging es 1960 an MTU.

Flugmotoren, Motorräder, Autos

In den 20er Jahren fanden Motorräder reißenden Absatz. Oft handelte es sich dabei um motorisierte Fahrräder mit Kettenantrieb. BMW stieg in das Geschäft ein mit robusten Modellen, bei denen das Drehmoment durch Kardanwellen auf das Hinterrad übertragen wurde. Ernst Jakob Henne und Schorsch Meier gewannen Deutsche und Europameisterschaften auf BMW-Motorrädern. Erst ab 1928 baute BMW Autos, nach dem Kauf einer Fabrik in Eisenach. Begonnen wurde mit einem Kleinwagen namens „Dixi“, doch ab 1936 profilierte sich BMW mit Autos für den gut betuchten, sportlichen „Selbstfahrer“. Viele Wohlhabende zogen es vor, sich in einer Limousine chauffieren zu lassen, BMW dagegen war die Marke für jüngere Kunden. In dieser Zeit wurde der BMW-typische Sechszylindermotor entwickelt.
1945 war das Werk in München-Allach teilweise zerstört. Das Autowerk in Eisenach lag in der Sowjetischen Besatzungszone. Das Motorradwerk in Berlin-Spandau lag vom Westen abgeschnitten und war geplündert worden. Zudem wurde BMW von den Alliierten als „kriegswichtig“ eingestuft und durfte keine Fahrzeuge und Motoren mehr produzieren. Man hielt sich mühsam über Wasser mit der Herstellung von Küchengeräten, bis 1948 die Erlaubnis zum Bau von Motorrädern erteilt wurde. Dieses Geschäft florierte, Privatleute und Polizeibehörden in vielen Ländern orderten die Maschinen. Doch mit dem Wirtschaftswunder wurde das Motorrad mehr und mehr zum „Fahrzeug für arme Leute“, der Absatz brach ein. Daimler-Benz war bereits mit Autos erfolgreich, während BMW erst 1952 wieder Autos produzieren durfte und mit seinen ersten Modellen keinen Erfolg hatte. Ab 1955 wurde zwar die „Isetta“ zum Verkaufsschlager, doch die Gewinne hielten sich in Grenzen, da das Modell in Italien entworfen worden war und BMW Lizenzgebühren zahlen musste.
Die Firma machte enorme Verluste, 1959 sollte BMW an Daimler-Benz verkauft werden. Im letzten Moment entschied sich Herbert Quandt, in großem Stil Aktien von BMW zu kaufen. Mit seinem Geld gelang es, an das Vorkriegs-Image anzuknüpfen und erfolgreich kompakte, sportliche Autos auf den Markt zu bringen. 1967, nur acht Jahre nach dem Beinahe-Aus 1959, wurde der Hersteller des damals beliebten „Goggomobil“-Autos in Dingolfing übernommen. Das Werk wurde modernisiert und vergrößert. Hier wurden bald Oberklasse-Wagen für die ganze Welt gebaut. Der Erfolg von BMW machte die Familie Quandt, die bis heute rund die Hälfte der BMW-Aktien hält, unvorstellbar reich. Ab den 70er Jahren wurde BMW zu dem internationalen Konzern, der er heute ist, mit 31 Produktionsstandorten in aller Welt. Die Zukäufe auf den britischen Inseln brachten dem Unternehmen nicht viel Glück. 2018 wurden über 2 Millionen BMW-Autos gebaut. Die Produktion von Autos der Marke „Mini“ und von Motorrädern lag unter einer halben Million, „Rolls Royce“ produzierte rund 4000 Fahrzeuge – und ist damit wirtschaftlich. Der Luxusmarkt hat seine eigenen Regeln.  

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