Diedorfer Geschichten: Germanen – uaaahhh!

Die Diedorfer Germanen mischen auch im Fasching 2019 die Region auf. Foto: Bund der alten Germanen

Diedorf wird von Germanen besiedelt. Historisch belegt ist das nicht. Trotzdem sorgen ihre heutigen Aktiven seit einem halben Jahrhundert für Stimmung in der Region.

Bald ist es wieder so weit: Eine Horde wilder, in Felle gekleideter und mit Hörnerhelmen, Birkenhumpen und archaischen Waffen bewehrter Gestalten wird das Diedorfer Rathaus besetzen. In der heißen Phase des Faschings haben Bürgermeister und Co. keine Chance. Im Bauhof werden dann schon einmal vorsorglich Bierbänke aufgestellt und man fügt sich den Gesetzen der Narren. Betrachtet man den großen Rest des Jahres, arbeiten Gemeinde und Germanen-Verein friedlich und einander wohlgesonnen zusammen – schon fast 55 Jahre lang. Die Gemeinde stellt dem Verein beispielsweise sein stationäres Quartier im Bürgerhaus.
Seit 1964 besteht der als Faschingsverein aus einer Schafkopf-Runde heraus entstandene „Bund der alten Germanen“. Die Bälle der Narren haben Kultstatus und sind doch in dieser Saison von Wehmut überschattet. Dazu später mehr. Auch über die närrische Zeit hinaus beteiligen sich die Germanen aktiv am Gemeindeleben und bestücken unter anderem zweimal im Jahr einen Stand auf den Märkten des Ortes.

Kreative Horde

Eine gehörige Portion persönliches Engagement und viel kreative Energie schaden übrigens nicht, wenn man aktiv an diesem Vereinsleben teilnehmen will. Denn erst einmal braucht es ein passendes Kostüm. Zwar orientiert sich der Verein nicht an historischen Vorbildern – dann wären sowohl Felle als auch Hörnerhelme fehl am Platz, doch intern hat man eben doch eine gewisse Kleiderordnung einzuhalten. Die Gaudi steht im Vordergrund, deshalb soll alles möglichst urig und auf“fellig“ sein. Die Felle werden aber immer teurer, was zum Teil am immer seltener werdenden Beruf des Gerbers liegt. Ein wenig Umarbeiten und selbst Gestalten ist also gefragt. Wie es sich für einen Faschingsverein gehört, vergibt der Bund der alten Germanen in der närrischen Zeit Orden. Diese bestehen aber nicht wie bei anderen „Zünften“ aus käuflich zu erwerbenden Metallplaketten. Das würde nicht zur Optik der Germanen passen. Man bastelt selbst. Der Orden für die Faschingssaison 2018/19 besteht aus Leder und hat einen Brandstempel, der eigens in Auftrag gegeben wurde. Massive hölzerne Varianten aus vergangenen Jahren schmücken das Vereinsheim der Stammesmitglieder.

Heimat für Wilde

Überhaupt – das Vereinsheim. Wer das moderne Bürgerhaus in Diedorf betritt, den erwartet im Inneren ein mit alten Wirtshausmöbeln gestalteter Gruppenraum, in dem das halbe Jahrhundert Vereinsgeschichte, ihre Höhepunkte, Freundschaften, Trophäen und Persönlichkeiten präsent sind.
Hier wird getagt, geplant und umgesetzt, was an Aktivitäten in der Öffentlichkeit stattfinden soll. Zum 50. Geburtstag gestalteten die Mitglieder ein Buch, das mit einem massiven geschnitzten Holzdeckel und einen halben Quadratmeter groß den rustikalen Charme der Vereinigung widerspiegelt.
Innen ist alles, was den Verein ausmacht: Gründungsurkunden, Fotos, Zeitungsberichte, liebevoll gestaltete Zeichnungen, die Verewigung von Präsidenten und „Edelingen“, also Vereinsmitgliedern, die sich innerhalb der Gemeinschaft als besonders teamorientiert hervorgetan haben. Das Buch ist ein Nachschlagewerk mit Zukunftspotenzial, ausgelegt für Erweiterungen für viele weitere Jahre – so lange kräftige Kerle zur Verfügung stehen, die es ins Regal wuchten.
Damit immer genügend aktive Germanen nachkommen, hat der Verein auch eine Jugendabteilung, die Ger-Kids. Zurzeit ist sie verwaist, doch wünschen sich die Germanen, dass man sich bald wieder mit Tänzen auf dem Kinderball, Umzügen und Kinderfaschingstreiben beteiligt. Im Vereinsheim können die Jüngsten sich bilden.
Bücher über die – nun wirklich historischen – Germanen und die Faschingskultur im Lande stehen zur Verfügung.

Fasching auf dem Rückzug

An legendäre Faschingsveranstaltungen erinnert man sich im Verein besonders gern. Gleich im ersten Jahr seines Bestehens organisierte der Germanenbund 1965 einen Rosenmontagsball im Diedorfer Saalbau Fendt. Der machte so viel Eindruck, dass der Verein sich im Anschluss vergrößerte und man Zukunftspläne machen konnte. Die Gemeinschaft zog ihre Kreise vom Schwarzwald bis zur Nordseeküste, nach Österreich und Frankreich, auf Bällen und Umzügen. Sogar einen Motivwagen baute man einmal. Das mausartige Tier wurde von Hand gezogen und beinhaltete ein Bierfass mit Zapfhahn. Im Laufe der letzten Jahre wurde das Faschingstreiben überall in der Region eingeschränkt und auch vielerorts eingestellt. Eine Reise nach Mainz kommt für den Verein auch nicht immer in Frage. So fällt die Teilnahme an Gaudiwürmern immer öfter aus. Dennoch nimmt man auch heuer wieder als Fußgruppe teil an den Umzügen in Zusmarshausen, Deubach und in Spalt. Nach dem Umzug des eigenen Balles zum Millerwirt – offiziell Gasthof zum Eisernen Kreuz – baute man dort jedes Jahr eine Germanenhöhle mit großem Aufwand, vielen Ideen und einem eigenen Lichtkonzept, so dass der Saal nicht mehr wiederzuerkennen war. Der Millerwirt schließt nach diesem Fasching. Weil die Gestaltung des Germanen-Balles aber anderswo in der gewohnt aufwändigen Form kaum möglich ist, gibt es wohl in dieser Saison zum letzten Mal einen eigenen Ball der Diedorfer.

Thing

Doch schon längst beschränken sich die Aktivitäten der wilden Gesellen nicht mehr auf die närrische Zeit. Osterfeuer, Maibaumfeiern, das Highlander-Fest auf dem Lechfeld, der Plärrer-Umzug in Augsburg, die Floriansgautsch der Freiwilligen Feuerwehr im Ort oder auch der Perchtenumzug von Michael Stöhr und seinem Maskenmuseum – überall tauchen Germanen auf und sorgen für gute Laune.
Einige Hundert Gäste werden im Sommer erwartet, wenn der Thingplatz an der Schmutter sich für das jährliche Sommerfest herausgeputzt hat. „Thing“ ist die Versammlungsstätte in der nordischen Mythologie und deshalb eine wunderbare Bezeichnung für das Freigelände der Hobby-Horde.
Die Germanen aus Diedorf begrüßen zu ihrem 55-jährigen Bestehen nicht nur „zivile“ Besucher aus der Region. Sie empfangen als befreundete Vereine auch die Vandalen aus Otterndorf an der Nordsee und die Germanen aus Mambach im Schwarzwald. Neben kulinarischen Genüssen stehen im Juli stilechte Wettkämpfe auf dem Programm: Seilziehen, Sackschlagen und weitere steinzeitliche Möglichkeiten, sich mit anderen zu messen. Feuerschlucker werden erwartet. Der Schlachtruf der Diedorfer lautet übrigens „Germanen – uaaahhhh!“, womit die Gegner gleich wissen, wo der Hammer hängt.

Ganz ohne Fell

Es kann einem passieren, dass man der wilden Horde mitsamt Kluft auf einer Skipiste begegnet. Doch nicht zu jeder Veranstaltung tragen die Germanen ihre Felltracht. Manchmal sind es behördlich festgelegte Hygienebestimmungen, wie beispielsweise auf den Märkten der Gemeinde Diedorf. Hier freuen sich die Germanen im Mai und September über Besuch in ihrem Festzelt.
Manchmal sind es auch nur die praktischen Umstände, zu denen funktionale Kleidung der Neuzeit die bessere Lösung ist – etwa wenn man zusammen kegeln oder radeln geht. Der Präsident erscheint zum Interview in Jeans und AC/DC-Shirt, also alles normale Leute, diese Germanen…

Germanische Termine

Faschingsball der alten Germanen Diedorf am 2. März 2019 im Saalbau Miller.
Sommerfest für alle am Thingplatz an der Schmutter am 20. Juli.2019
Gäste sind herzlich willkommen!
www.diedorfer-germanen.de

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