Region: Augsburger Land

Für die Zukunft den Tarif gekündigt - Gersthofer Backbetriebe verlassen Arbeitgeberverband, setzen Lohnerhöhungen aus, erhöhen Arbeitszeit

500 Beschäftigte bei den Gersthofer Backbetrieben und Lechbäck betroffen

Stefan Gruber

Zum 28. Februar 2018 seien die Gersthofer Backbetriebe (GBB) aus dem Arbeitgeberverband ausgetreten, so vermeldet es jetzt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in einer Pressemeldung.

Gegenüber der Belegschaft wurde erklärt, dass die Lohnerhöhungen 2018 und 2019 ausgesetzt würden. Ob weitere Maßnahmen umgesetzt werden, sei derzeit nicht klar. Der Betrieb ist eine süddeutsche Großbäckerei, die ihre Produkte unter dem Namen „Gretl Brot“ und „Backstube Lechauen“ im Lebensmitteleinzelhandel vertreiben.

Keine Lohnerhöhungen

Zum 31. Dezember 2014 erwarb die Unternehmensgruppe Serafin alle Anteile an den Gersthofer Backbetrieben und den Lechbäck-Filialen. Am 30. Januar 2018 forderten die GBB von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) deutliche Verschlechterungen tariflicher Leistungen für die rund 500 Beschäftigten. Zum 28. Februar traten die GBB aus dem Arbeitgeberverband aus und kündigten als erste Maßnahme an, in den nächsten beiden Jahren keine Lohnerhöhungen zahlen zu wollen.

Nach Information der Gewerkschaft NGG setze die GBB rund 35 Millionen Euro (2016) um. Produziert werden Frisch- und Aufback-Backwaren für den Lebensmitteleinzelhandel und die eigenen Lechbäck-Filialen. Die GBB seien stets tarifgebunden (Tarifverträge bayerisches Bäckerhandwerk) gewesen. In den Lechbäck-Filialen seien alle 80 Beschäftigten ebenfalls nach Tarif bezahlt worden.

Problematische Lage

Am 30. Januar 2018 habe der GBB-Geschäftsführer Dr. Bendikt Grebner gegenüber der Gewerkschaft NGG erklärt, dass die Ertrags- und Vermögenslage problematisch sei. Auch der Umsatz sei gesunken. Nachdem alle Potentiale zur Verbesserung der Unternehmenssituation ausgeschöpft seien, sei nun die Reduzierung der Personalkosten nötig. Dr. Grebner habe einen Maßnahmenkatalog vorgelegt für die Jahre 2018 und 2019, der tarifliche Leistungen beschneiden soll: Aussetzung der Lohnerhöhungen, Streichung des tariflichen Weihnachts- und Urlaubsgeldes, unbezahlte Verlängerung der regelmäßigen tariflichen wöchentlichen Arbeitszeit von 40 auf 42 Stunden sowie niedrigere Eingruppierung bei Neueinstellungen.

„Horrorkatalog“

Tim Lubecki von der Gewerkschaft NGG Region Schwaben: „Der Austritt aus dem Arbeitgeberverband bedeutet die Aufkündigung der Sozialpartnerschaft. Der Maßnahmenkatalog vom Januar ist ein regelrechter Horrorkatalog.“

Die Gewerkschaft fordert Serafin auf, wieder in den Arbeitgeberverband einzutreten und weiterhin die Angestellten zu Tarifbedingungen zu beschäftigen. Tim Lubecki von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Region Schwaben zum Vorgehen bei GBB: „Die Tariflöhne im bayerischen Bäckerhandwerk sind niedrig. Für Profis wie Serafin ist es sicher möglich, die Bäckerei mit Tariflöhnen wirtschaftlich zu betreiben. Das gelingt anderen Großbäckern ja auch. Das Marktumfeld ist herausfordernd, aber wo ist es das nicht.“

Der tarifliche Einstiegslohn für Ungelernte liege in Bayern bei 10,05 Euro, für gelernte Bäcker bei 14,23 Euro und für die gelernte Bäckereifachverkäuferin bei 12,49 Euro (alles brutto).

Wie sieht GBB sie Situation?

Dies sei die eine Seite der Medaille. GBB-Geschäftsführer Dr Benedikt Grebner, bestätigt die Umstände, sieht die GBB aber unter einem Handlungszwang. Er vermeldet, dass die Gersthofer Backbetriebe sich seit 2015 in einem schwierigen Marktumfeld befänden. Ein Wandel in der Sortimentsstrategie im Backwarenbereich des Lebensmitteleinzelhandels beschere Umsatzrückgänge sowie eine steigende Prozess- und Logistikkomplexität. In Folge hätten bereits einige Großbäckereien in den vergangenen Jahren Insolvenz angemeldet.

Durch intensive Sparbemühungen sei das GBB-Ergebnis in 2016 stabilisiert, Einkauf, Produktion und Vertrieb seien optimiert worden. Erschwerend seien in 2017 die Preise für Diesel, Heizöl, Mehl, Eier und Milchprodukte angestiegen, was die Kostensituation weiter belastet habe.

500 000 Euro Verlust

Die Kombination aus der schwierigen Marktentwicklung seit 2015 und der Kostenentwicklung in 2017 führen dazu, so Grebner, dass sich die Gersthofer Backbetriebe erneut in einer herausfordernden wirtschaftlichen Situation befänden und Verluste erwirtschaften. Dies zeige die Geschäftsentwicklung: Die Umsätze seien seit 2015 rückläufig. 2017 sei der Umsatz erneut um drei Prozent gefallen und das Unternehmen habe einen Verlust von 0,5 Millionen Euro erzielt.
Trotz dieser Entwicklung haben die Gersthofer Backbetriebe im Zeitraum von 2015 bis 2017 die aus der Vergangenheit bereits gelebte Praxis der übertariflichen Eingruppierung der Mitarbeiter übernommen, keine betriebsbedingten Kündigungen vollzogen, den Leiharbeiteranteil durch Übernahme in Festanstellung von 111 Leiharbeitern im Dezember 2015 auf 55 Leiharbeiter im Dezember 2017 reduziert, jede Tariferhöhung zu 100 Prozent weitergegeben und somit jährliche Mehrkosten von 300 000 Euro getragen und stets alle Mitarbeiter mindestens nach Tarif, in vielen Fällen darüber bezahlt. Das Unternehmen habe bis Ende 2017 stets höhere Löhne gezahlt als den tariflichen Einstiegslohn von 10,05 Euro.
Laut Grebner werde für 2018 erneut mit einem Verlust von vermutlich mehr als 500 000 Euro gerechnet.

Haustarif

Zur Sicherstellung der wirtschaftlichen Zukunftsfähigkeit sehe Grebner die Umsetzung weiterer Maßnahmen als erforderlich an. Die Personalkosten sollen durch einen Haustarifvertrag reduziert werden, alles zur Sicherung der Arbeitsplätze.
Durch den Austritt aus dem Arbeitgeberverband könne das Unternehmen Kosten von etwa 300 000 Euro einsparen, aber dennoch werde, so die GBB auch 2018 ein Verlust anfallen.

Kein Entgegenkommen

In frühzeitigen Gesprächen mit Betriebsrat und der Gewerkschaft NGG, erklärt Grebner, sei von der Gewerkschaft kein Entgegenkommen erkennbar gewesen. Aufgrund der Dringlichkeit der Thematik musste die Geschäftsführung der Gersthofer Backbetriebe die Entscheidung treffen, aus dem Arbeitgeberverband und somit aus dem Tarifvertrag des Bayerischen Bäckerhandwerks auszutreten.

Externes Urteil

Die Geschäftsführung der GBB verweist darauf, dass die Prüfung der wirtschaftlichen Situation durch eine externe, der NGG nahestehenden Beratungsgesellschaft bestätigt habe, dass derzeit die Arbeitsplätze bei den Gersthofer Backbetrieben langfristig gefährdet seien. Trotz dieser Erkenntnis habe die Gewerkschaft auch in einem weiteren Gespräch im März keine Bereitschaft gezeigt, durch einen befristeten Verzicht auf tarifliche Leistungen, die Arbeitsplätze zu erhalten.

Zukunftsperspektive

Grebner sei überzeugt, dass die Sparmaßnahmen notwendig seien, um den Gersthofer Backbetrieben eine Zukunftsperspektive zu ermöglichen. Das Unternehmen habe die Mitarbeiter über die Lage informiert. Die Backbetriebe versuchen, mit der Gewerkschaft einen tariflosen Zustand zu vermeiden.

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