Hermann Jensch: ein erbitterter Gegner des nationalsozialistischen Terrorregimes wird mit einem Stolperstein geehrt

von LeserReporter Dr. Bernhard Lehmann aus Gersthofen

Portraitbild Hermann Jensch 1946

Hermann Wilhelm Jensch, geb. 23.April 1907, verst. am 4.Februar 1983 in Gersthofen, kommunistischer Widerstand,  Inhaftierung im KZ Dachau

Hermann Wilhelm Jensch ist am 23. April 1907 in Eyb/Kreis Ansbach geboren. Sein Vater Heinrich Jensch stammt aus Straupitz in Schlesien, seine Mutter Anna Maria, geb. Kneisl kommt aus  Riglasreuth.

Wie sein Großvater Karl Wilhelm und sein Vater Heinrich ist Herrmann Wilhelm Zimmermann von Beruf. Zimmerleute gehen traditionell zur Komplettierung ihrer Kenntnisse und Fertigkeiten auf die Walz. Die Walz ist Voraussetzung, um Meister werden zu können. Durch die Wanderjahre sollen die Gesellen auch ortsfremde oder in ganz Europa praktizierte Arbeitsweisen und Baustellen kennenlernen und ihr Können erweitern. Der Umgang mit Fremden, die Selbstständigkeit und die soziale Kompetenz sollen dabei ausgereift werden. Soweit wir wissen, ist Hermann in Baden-Württemberg, mit Sicherheit auch an anderen Orten Deutschlands auf der Walz.

Von München kommend taucht er im Februar 1930 erstmals in Gersthofen auf. Vermutlich ist es seine spätere Frau Rosa geb. Hammerl, die ihn dazu bewegt hat, sich in Gersthofen nieder zu lassen. Rosa stammt aus einer alten Gersthofer  Familie.

Vor  Ort lernt er den Zimmermann  Georg Kottmair kennen, der im Oktober 1930 von der Walz in die Heimat zurückkehrt. Dieser wohnt in der Ludwig- Hermann- Straße 35, unweit von Hermann Jensch.

Es sind keineswegs ideologische Gründe oder der Wunsch nach einer Weltrevolution, sondern eher die Weltwirtschaftskrise und die hohe Arbeitslosigkeit, die Hermann Jensch dazu bewogen haben, in die KPD einzutreten. Wie Georg Kottmair , Xaver Sterr und Leonhard Wanner verspricht er sich durch Engagement in der Partei eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage.

Am Tag der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes im Deutschen Reichstag am 24. März 1933 kommt Hermann Jensch in „Schutzhaft“. Wenig später  wird er im Katzenstadel in Augsburg inhaftiert und am 1. Mai 1933 ins Konzentrationslager Dachau überführt. Im „Verzeichnis der kommunistischen Schutzhäftlinge“ ist er als „eifriger Anhänger und Hetzer“ aufgelistet. Es ist anzunehmen, dass Jensch gemeinsam mit Wanner, Kottmair und Sterr konkrete Maßnahmen ergriffen und die Bevölkerung vor der Machtübernahme der Nazis gewarnt haben. Hermann Jensch bleibt 18 Monate im KZ Dachau. Dort hat er die Häftlingsnummer 1479. Erst am 23. Oktober 1934 kehrt er von Dachau nach Gersthofen zurück.

Wie bei Georg Kottmair haben die SS-Schergen den Charakter und Willen von Hermann Jensch gebrochen. Körperlich ist Hermann sehr robust, aber nach seiner Rückkehr aus dem KZ wagt er es nicht mehr, sich politisch zu engagieren, denn ein zweiter Aufenthalt im KZ hätte den sicheren Tod für ihn bedeutet. Hermann Wilhelm Jensch spricht mit niemandem über seinen KZ-Aufenthalt, die Furcht blieb bis zu seinem Tode präsent. Zu sehr haben Terror, Erniedrigungen und Gewalt  im KZ ihn geprägt.

Er sucht die Geborgenheit und Zuneigung seiner um 5 Jahre jüngeren Freundin Rosa Hammerl und heiratet diese am 14. Juni 1935 in Gersthofen. Sie wohnen gemeinsam in der Ludwig Hermann-Straße 55.

Am 8. Januar 1941  wird Hermann Jensch von den Nazis zum Kriegsdienst eingezogen. Bis Mitte 1942 dient er in verschiedenen  Bataillonen, ehe er im April 1942 der Heeresbaudienststelle zugewiesen wird. Im März 1944 kommt er zum 4. Sicherungsbataillon, ab Mai 1944 zum Grenadier-Regiment 1018 der 70. Infanterie-Division mit Einsatzraum Niederlande. Wir wissen, dass er an der Westfront diente und zweimal in Kriegsgefangenschaft geriet. Beide Male scheint ihm die Flucht gelungen zu sein. Nach Kriegsende ist er vom 1. Dezember 1945 bis zum 23. März 1946 in Gewahrsam der USA.

Für seine 18-monatige Haftstrafe erhält Hermann Jensch 1950 eine kleine Entschädigung zugesprochen.

Hermanns Sohn Ingo kommt 1951 und 5 Jahre später seine Tochter Jutta zur Welt. Hermann ist bereits 49 Jahre, seine Frau Rosa 44 Jahre. 1955 zieht die kleine Familie in die Siedlerstraße 17.

In der Nachkriegszeit ist Hermann bei der Firma Halbeck bei der Lechchemie beschäftigt. Er ist ein vorzüglicher Handwerker, der jüngeren Mitarbeitern ein Vorbild ist. 1965 erleidet Hermann Jensch einen Herzinfarkt und wird frühpensioniert. Er verstirbt am 4. Februar 1983, seine Ehefrau Rosa 16 Jahre später.

Nach Aussagen seiner Kinder war Hermann Jensch überaus ruhig, zurückhaltend und introvertiert. Signifikanter Weise war Fischen sein großes Hobby. Seine Hobbies betreibt er mit demselben Ernst wie seinen Beruf.
Zeit seines Lebens ist Hermann ein scharfer Beobachter, kein Luftikus, er ist immer sehr ernst und wenig zugänglich. Er hat eine dezidierte politische Meinung und denkt überaus zielgerichtet.

Wir wollen diesem charakterstarken, mutigen Mann einen Stolperstein widmen und an ihn erinnern. Zivilcourage unter Einsatz seines Lebens zu zeigen ist und war keine Selbstverständlichkeit.

Die Verlegung des Stolpersteins werden wir öffentlich ankündigen. Wegend er Coronakrise ist der Verlegetermin (bisher ist der 14.7.20 geplant) noch nicht 100% sicher. 

Quellen:

 

Stadtarchiv Gersthofen, EWO Meldekarten Jensch Herrmann Wilhelm und Jensch, Anna Maria

KZ Gedenkstätte Dachau, Archiv

Bundesarchiv Berlin, Wehrstammbuch Hermann Jensch und Personenkarteikarte J-207/363

Interviews mit Ingo Jensch, Jutta Polz geb. Jensch

 

Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann StD Gegen Vergessen-Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben

Ausführliche Biografie unter www.gedenkbuch-augsburg.de

 

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