Glockenbecherleute in Königsbrunn

Das Skelett des Glockenbechermannes

Es war eine ganz besondere Grabung für die Mitglieder des Arbeitskreises für Vor- und Frühgeschichte, die beinahe gar nicht stattgefunden hätte. Als 1994 die Firma Ampack im Königsbrunner Süden einen Neubau plante, wurde das dafür vorgesehene Gelände im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege mittels Suchschnitten archäologisch untersucht.

„Die eigentliche Sensation war ja überhaupt die Entdeckung des gesamten Bestattungsareals durch die Entscheidung des Grabungsleiters Rainer Linke, die Richtung des letzten Suchschnittes aufgrund einer auffälligen Staude zu ändern. Das war eine halbe Stunde, bevor der Bagger endgültig nach drei Tagen aufhören musste. Genau unter dieser groß wachsenden Staude lag das erste Brandschüttungsgrab. Wären die Suchschnitte wie geplant beendet worden, hätten wir vermutlich dieses Gräberfeld überhaupt nicht gefunden“, erzählt Siglinde Matysik vom Arbeitskreis.

Es handelte sich um 23 Bestattungen, die der späten Bronzezeit zugeordnet werden konnten. Inmitten des Gräberfeldes fielen den Archäologen jedoch mehrere dunkle Verfärbungen durch ihre rechteckige Form und ihre Anordnung in einer Reihe auf. Die Vermutung, dass es sich hier um Körpergräber handelte, bestätigte sich rasch.

„ Als das erste Grab geöffnet wurde, konnte eine genaue Datierung noch nicht vorgenommen werden, da der Tote keinerlei Beigaben bei sich hatte. Erst nach der Öffnung weiterer Gräber war zumindest für die Königsbrunner die Sensation perfekt, es handelte sich um Glockenbecherleute, die um 2300 bis 2200 in dieser Gegend siedelten“, beschrieb Rainer Linke damals die Situation.

Der Tote aus Grab 1 lag mit angezogenen Beinen auf der Seite, mit dem Kopf nach Norden und dem Blick nach Osten. Er hatte verheilte Knochenbrüche an Elle und Speiche des rechten Unterarmes. Er war etwa dreißig Jahre alt und ungefähr 1,80m groß. Sein sehr gut erhaltenes Skelett wurde für das Archäologische Museum Königsbrunn präpariert und kann dort in einer eigens angefertigten Vitrine, die die Fundsituation zeigt, besichtigt werden.

In den anderen Gräbern wurden die Skelette von fünf männlichen Individuen (zwei in einer Doppelbestattung) und das einer Frau gefunden. Im Archäologischen Museum kann man die Grabbeigaben anschauen und weitere Einzelheiten dazu erfahren, zum Beispiel über die fein gearbeitete Armschutzplatte eines jugendlichen Bogenschützen oder eine Kette mit durchbohrten Knochenbuckeln und Muscheln aus dem Mittelmeerraum. Der wichtigste Beigabenfund war jedoch ein Becher aus Ton, weil er die Datierung in die Glockenbecherzeit ermöglichte. Denn der Name geht auf die besondere geschwungene Form der Gefäße zurück, die an eine Glocke erinnert. Dieser Becher wurde kunstvoll in Handaufbautechnik getöpfert. Seine Wände sind teilweise nur drei Millimeter stark. Mit einem Knochen- oder Holzstempel hatte der Töpfer oder die Töpferin ihn mit einem Schachbrett- und Rautenmuster verziert und vor dem Brennen noch eine weiße Engobe aufgebracht, damit das Muster besser zur Geltung kam.

Vier männliche Tote waren vermutlich miteinander verwandt, denn sie hatten alle eine Kreuznaht auf dem Stirnbein, ein besonderes Merkmal, das vererbt wird. Die Frau hatte keine solche Naht; sie wird vielleicht in diese Männerfamilie eingeheiratet haben.

Auch auf dem Sportgelände der Uni Augsburg und im Bereich der Firma Siemens gab es Funde von Glockenbecher-Gräbern. Sie alle geben uns faszinierende Einblicke in das Leben von Menschen, die vor mehr als viertausend Jahren in unserer Gegend gesiedelt haben.

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