Vergessene Märchenwelten

von LeserReporter Ute Blauert aus Bobingen
Theresia Dingelmaier während ihres Vortrags in der Reihe „Königsbrunner Campus“.

Literaturwissenschaftlerin Theresia Dingelmaier stellte in Königsbrunn im Pavillon 955 die Ergebnisse ihrer Suche nach jüdischen Märchenschätzen vor.

Die beiden für den Frühling geplanten Vorträge der Reihe „Königsbrunner Campus“ mussten in diesem Jahr wegen Corona ausfallen. Da keine Nachholtermine gefunden werden konnten, gibt es diesmal nur die beiden Vorträge im Herbst. Im ersten Vortrag in der vergangenen Woche ging es um deutschsprachige jüdische Märchen. Dass es solche Märchen geben muss, kann man bei den Gebrüdern Grimm nachlesen. „Sie weisen an mehreren Stellen auf jüdische Quellen hin“, so die Referentin Theresia Dingelmaier. Dingelmaier ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft der Universität Augsburg. Für ihre Promotion über deutschsprachige jüdische Volks- und Kindermärchen musste sie lange in Archiven in Deutschland und Israel suchen, um solche Märchen zu finden. Erzählen kann diese Geschichten niemand mehr, seit das jüdische kulturelle Leben in der nationalsozialistischen Zeit vernichtet wurde. Daher der Titel des Vortrags: „Vergessene Märchenwelten – Auf der Spur des deutschsprachigen jüdischen Märchens.“

Die Frage, was ein Märchen ist, beantwortete Dingelmaier so: „Ein Märchen enthält eine wunderbare Dimension, wie etwa Zauberei oder sprechende Tiere, über die sich niemand im Geschehen wundert. Volksmärchen sind ort- und zeitlose kurze Erzählungen mit Happy End. In Kunstmärchen, wie sie vor allem im 20. Jahrhundert entstanden sind, ist der Autor bekannt, die Figuren haben Namen und es gibt nicht unbedingt ein Happy End. Märchen haben auch immer eine Botschaft, seien es Lebensweisheiten, die Bedeutung von menschlichen Verhaltensweisen oder Kritik an der Gesellschaft.“

Wie Dingelmaier ausführte, wurden Märchen in Deutschland sehr populär in der Zeit der Romantik, also vom Ende des 18. Jahrhunderts bis weit in das 19. Jahrhundert hinein. In dieser Zeit gaben Wilhelm und Jacob Grimm ihre Sammlung von Märchen heraus. Auch Clemens Brentano oder Wilhelm Hauff schrieben Märchen. Diese Art der Literatur hatte ein politisches Ziel: Damals war der deutschsprachige Raum unterteilt in viele kleine Staaten. Die Romantiker träumten von einem deutschen Nationalstaat. Um zu belegen, dass die Kleinstaaten zusammengehören, wurden gemeinsame Traditionen beschworen und eine einheitliche Kultur schon seit dem Mittelalter. Sagen um mittelalterliche edle Ritter und schöne Prinzessinnen wurden ins Feld geführt. Märchen sollten eine deutsche Identität bilden und altes Volksgut weitergeben, durchaus nicht nur an Kinder.

Ein Preisausschreiben hilft den Märchen auf die Sprünge

Dingelmaier zeigte ein Zitat aus der Zeitschrift „Jüdische Rundschau“ von 1904: Der Journalist Heinrich Loewe beklagte „mit Beschämung und tieftraurig“, dass ein „Märchenbuch mit jüdischem Milieu“ fehle. Daraufhin wurde über diesen Umstand in mehreren Zeitungen diskutiert. Schließlich lobte die Zeitschrift "Wegweiser für die Jugendliteratur" 1905 ein Preisausschreiben aus. Die preisgekrönten Geschichten erschienen in einem Sammelband. Danach, vor allem in den 1920er Jahren, erschien geradezu eine Flut von Märchen für jüdische Kinder. Dingelmaier erläuterte, dass damalige deutsche Literaten, wie Grimm, Hauff oder Brentano, antijüdisch geprägt waren. In ihren Märchen gibt es die Figur des „bösen Juden“. In den jüdischen Märchen ist ein „böser Deutscher“ oder ein „böser Christ“ nicht zu finden. „Die Märchen sollten eine selbstbewusste jüdische Identität vermitteln, aber nicht als Gegensatz zur deutschen Identität, sondern damit verbunden.“ Else Ury, deren Namen noch viele kennen wegen ihrer Kinderbuchreihe über das Mädchen Annemarie, genannt „Nesthäkchen“, verfasste auch jüdische Märchen. Dingelmaier teilt die Märchen jener Zeit in vier Gruppen ein. Die Märchen der ersten Gruppe erwähnen die jüdische Kultur nur am Rande. In der zweiten Gruppe werden jüdische Rituale erklärt und belohnt wird, wer fromm nach der jüdischen Tradition lebt. Dann gibt es eine Gruppe von zionistischen Erzählungen, in denen etwa beim Happy End Kinder auf einem fliegenden Teppich nach Palästina reisen. Und schließlich gibt es Geschichten, die als Lebenshilfe dienen und Mut machen sollen für das Leben unter nationalsozialistischer Herrschaft. Dingelmaier fand kein Märchen, das nach 1936 veröffentlicht wurde.

„Gab es wirklich keine jüdischen Märchen vor Anfang des 20. Jahrhunderts?“, fragte Dingelmaier. Ihre Forschungen ergaben, dass Loewe unrecht hatte. Sie fand ein jüdisches „Geschichtenbuch“ von 1602, das Märchen enthält, die noch nicht als solche bezeichnet wurden. Und im 19. Jahrhundert sind sogar mehrere jüdische Märchensammlungen in deutscher Sprache erschienen. Darin finden sich sprechende Tiere oder Wesen, die in Unter-Wasser-Reichen leben, und auch Menschen, die wundersam reich belohnt werden, nachdem sie Tieren oder Menschen geholfen haben. Eine Frau in einem Märchen aus Prag erhielt als Belohnung Kohle, die sich zu Hause in Gold verwandelte. Die Gasse, in der die Frau wohnte, erhielt daraufhin den Namen „Goldene Gasse“ – sagt das Märchen. Das „Goldene Gässchen“ in Prag gibt es heute noch, Franz Kafka hat dort eine Zeit lang gewohnt.

Der nächste Vortrag findet am Donnerstag, 29. Oktober, statt, wieder um 19 Uhr im Pavillon 955. Unter dem Titel „Faire Optimierung im Internet der Dinge?“ wird Dr. Alexander Schiendorfer vom Lehrstuhl für Softwaretechnik über mathematische Grundlagen fairer und demokratischer Entscheidungsprozesse referieren. Wegen der gebotenen Corona-Abstände gibt es weniger Plätze als sonst, man sollte sich also zeitig im Kulturbüro anmelden.

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