Region: Augsburger Land

„Der isch abg’holt worde“: Zeitzeugen berichten zum 75. Jahrestag des Zweiten Weltkriegs

von LeserReporter Ute Blauert aus Bobingen
Dritte Bürgermeisterin Ursula Jung, Manuel Hagen, Lucas Hübner, Kulturbüroleiterin Rebecca Ribarek und Stadtarchivarin Susanne Lorenz (von links).

In diesem Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Sicher wäre dieser Jahrestag ein beherrschendes Thema in den Medien, wenn es Corona nicht gäbe. Stadtarchivarin Susanne Lorenz hatte eine Veranstaltung vorbereitet, die, anders als geplant, vor kleinem Publikum im Sitzungssaal des Rathauses stattfand. Zunächst suchte sie im Archiv nach Unterlagen aus den Jahren 1944 und 1945. Was sie fand, hat sie zu einer Ausstellung zusammengefügt. Doch müssen coronabedingt seit dieser Woche Museen und Ausstellungen geschlossen bleiben. Ein kleiner Teil der Ausstellung kann bis zum 4. Dezember in den Schaufenstern des Kulturbüros rund um die Uhr angesehen werden.

Lorenz hatte zusätzlich zu ihren Recherchen Königsbrunner gebeten, die diese Zeit selbst miterlebt haben, sich für Interviews zu melden. Sie konnte 40 Personen ausfindig machen, 15 davon waren zu den Interviews bereit. Manuel Hagen war mit der Kamera dabei und Lucas Hübner schnitt die neun Stunden Material zu einem 90-minütigen Film. Die beiden betreuen das Filmstudio im Jugendzentrum „Matrix“. „Praktisch alle Zeitzeugen waren der Meinung, sie hätten eigentlich nichts zu erzählen“, so Lorenz. Im Lauf der Gespräche kamen jedoch einige interessante Erinnerungen zurück.

Aus dem Blickwinkel von Kindern

Alle Befragten waren zur Zeit der Geschehnisse Kinder oder Jugendliche und boten daher einen Blick auf die Ereignisse, über den sie selbst manchmal lachen mussten. Was für Erwachsene nur ein Suchscheinwerfer in einer Flak-Stellung war, war für Kinder nach Kriegsende ein großartiges Karussell. „Flak“ ist die Abkürzung für „Flugabwehrkanone“. Königsbrunn lag in der Flugschneise der alliierten Luftwaffe, die Augsburg wegen der dortigen Industrie und das Lechfeld wegen des Militärflughafens bombardierten. Daher war eine Flugabwehrkanone im damals unbebauten Osten Königsbrunns aufgestellt, eine weitere auf der Gemarkung von Inningen. Da von dort auf die Flieger geschossen wurde, fielen auch einige Bomben auf diese beiden Ortschaften.

In den letzten Wochen vor Kriegsende rekrutierte die Wehrmacht überall in Deutschland Minderjährige für die Flugabwehr, auch in Königsbrunn. Zehn Tage vor Kriegsende hatte Erwin Jakob seine technische Unterweisung in Inningen gerade hinter sich, als die Meldung kam, dass die Amerikaner bald in Augsburg sein würden. Daraufhin sagte sein Hauptmann zu den Jugendlichen: „Wer heimgehen will, kann gehen.“ Jakob ging über die Felder nach Hause und sein Vater verbrannte sofort seine Uniform. Ein paar fanatische junge Hitler-Anhänger blieben jedoch in ihrer Stellung, denn sie wollten kämpfen „bis zum letzten Blutstropfen“, wie es ihnen beigebracht worden war. Über einen dieser Buben wusste Jakob, dass er von den Amerikanern gefangen genommen und in ein Lager in Frankreich gebracht wurde, wo er drei Jahre lang bleiben musste.

Der Satz „Der isch abg’holt worde“ fiel mehrmals. Erst wurden Juden von Nazischergen abgeholt, einige Jahre später wurden Nazis von amerikanischen Soldaten abgeholt, darunter Bürgermeister Jakob Schreijak. Er kam für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis. Nicht allzu lange vorher hatte er dem Vater von Alois Luger, der Zweifel am Endsieg geäußert hatte, gedroht: „Wenn du das noch einmal sagst, melde ich dich“, und jeder wusste, dass dies Schlimmes bedeutete.

Freundliche Besatzungsmacht

Der Beginn der amerikanischen Besatzung wurde unterschiedlich erlebt. Einige erinnern sich nur an die Süßigkeiten, die ihnen von den Amerikanern geschenkt wurden. Ein Kind durfte die Süßigkeiten nicht essen, weil seine Großmutter überzeugt war, dass sie Gift enthielten und alles wegwarf. Die amerikanische Kolonne aus Panzern, Lastwagen und Infanterie kam über den Bobinger Berg. Königsbrunn war an motorisierten Verkehr nicht gewohnt und ein paar Zeitzeugen haben immer noch scheuende Pferde und schwere Unfälle vor Augen. Ein paar fanatische Hitlerjungen waren mit Panzerfäusten auf einen Kirchturm gestiegen, weil sie von dort auf den „Feind“ schießen wollten. Glücklicherweise konnten sie von einigen Erwachsenen rechtzeitig entwaffnet und heruntergebracht werden, so dass die Stadt am Abend des 28. April 1945 kampflos eingenommen wurde. Die amerikanischen Soldaten blieben nur eine Nacht lang im Ort und zogen dann weiter zum Lager Lechfeld.

Die Gefangenen der Wehrmacht in den überfallenen Ländern wurden nach Deutschland transportiert und als Zwangsarbeiter eingesetzt. Viel wurde in den Medien bereits darüber berichtet, wie Zwangsarbeiter in Industriebetrieben häufig zu Tode gequält wurden. Dass es aber praktisch in jedem Ort polnische, französische, russische Frauen und Männer gab, die wie Sklaven gehalten wurden, ist kaum bekannt. Es war den jeweiligen Betriebsleitern, in der Mehrzahl Landwirten, überlassen, wie sie mit diesen Menschen umgingen. Viele Zwangsarbeiter saßen beim Essen mit der Familie am Tisch und spielten mit deren Kindern. Ein vergleichsweise wohlhabender Königsbrunner Bauer jedoch kannte kein Erbarmen und prügelte die Zwangsarbeiter bei jedem Wetter aufs Feld, egal wie es ihnen gesundheitlich ging. Eine Polin musste aufs Feld, obwohl sie an einer Lungenentzündung erkrankt war, und starb dort. Die polnischen und französischen Zwangsarbeiter freuten sich bei Kriegsende, wieder nach Hause zu dürfen. Doch ein Russe verabschiedete sich mit den Worten: „Jetzt muss ich nach Sibirien.“ Er hatte schon gehört, dass die Zwangsarbeiter in Russland als Verräter eingestuft wurden.

Nach dem Krieg hatte Königsbrunn rund 2800 Einwohner, 1270 von ihnen waren Flüchtlinge, was etwa 45 Prozent der Bevölkerung entsprach. Dritte Bürgermeisterin Ursula Jung erwähnte in ihrer Begrüßung, dass auch ihre Mutter, zusammen mit ihren drei Kindern und ihren Eltern, zu ihnen gehörte. Ludwig Roser erzählte von 18 Menschen in seinem Elternhaus in jener Zeit. Nach dem Ende der Corona-Zeit soll die Filmvorführung wiederholt und die ganze Ausstellung im Rathaus gezeigt werden.

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