"Spektakel Volume I": Ein gelungener Auftakt für das Augsburger Brechtfestival

Die Beziehung zwischen Bert Brecht und seiner Frau Helene Weigel nahm sich eine Produktion Patrick Wengenroths (rechts) zum Thema

Mit dem ersten "Spektakel" hat das Brechtfestival begonnen. Eine Kritik zum Auftakt der neuen Festivalleiter

Betont chaotisch, betont lässig, betont nah am Besucher: Die Macher des Augsburger Brechtfestivals durchbrechen heuer nicht nur in ihren Stücken die allegorische vierte Wand zwischen sich und den Zuschauern. Wer am Freitag den Martini-Park auf dem Weg zum ersten Spektakel, dem Auftakt des diesjährigen Brechtfestivals betritt, könnte schnell das Gefühl bekommen, dass er eigentlich gar kein Zuschauer ist, sondern vielmehr ein Teil eines Gesamtkunstwerks.

Wenn die Redner sich zur Begrüßung auf der Bühne erstmal selbst einen Stehtisch besorgen müssen, Festivalmacher Jürgen Kuttner zu Beginn der Theaternacht den Besuchern erzählt, dass er und sein Mit-Festivalleiter Tom Kühnel eigentlich selbst nicht wissen, was in den kommenden Stunden alles gezeigt wird – "Ich bin gespannt, was Sie uns erzählen, was heute so los war" – und Kühnel dann betont spontan auf die Bühne tritt, "damit Sie auch wissen, wie ich aussehe", ist dieses Chaos natürlich gewollt und kalkuliert – es funktioniert trotzdem.

Aufführungen bis Mitternacht

Das Chaos schafft im Zusammenspiel mit der Beleuchtung, der Dekoration, dem Riesenrad und dem süßen Geruch des Popcorn-Stands am Eingang eine fast magische Atmosphäre. Man könnte das Gefühl bekommen, Teil eines einmaligen Experiments zu sein, dass nur den heute Anwesenden vorbehalten ist. Das Gefühl der Unsicherheit, was einen nun erwartet, die Suche nach dem nächsten Veranstaltungsort durch die Eingeweide der Interim-Spielstätte, immer in Eile, denn die Intervalle zwischen den einzelnen Aufführungen sind knapp kalkuliert, all das entwickelt einen besonderen Sog. Auf dem Weg von einer Bühne zu nächsten laufen einem fast alle Besucher mit einem Lächeln auf dem Gesicht entgegen.

Alles zu sehen ist dabei fast unmöglich. An insgesamt acht Spielorten finden von 19 Uhr bis kurz nach Mitternacht unter anderem kurze Theater-Produktionen, Konzerte und Lesungen statt. Zu den Spielorten gehören dabei Teile der Interim-Spielstätte, die für gewöhnlich den Künstlern vorbehalten sind, wie der Orchesterprobenraum und die Musiktheater-Probebühne.

Publikum als Teil des Schauspiels

Was all das nun mit Brecht zu tun hat, zeigt sich in den einzelnen Aufführungen. Dabei muss man sicher kein Brecht-Fan oder -Kenner sein, um an den Produktionen Spaß zu haben. Denn es wird mehr über Brecht gespielt als von Brecht, und dabei gehen die Macher auch nicht immer ganz unkritisch mit Augsburgs berühmtem Sohn um.

Das Gefühl, nicht nur Zuschauer zu sein, zieht sich dann auch durch die Aufführungen. Ganz im Sinne von Brechts Epischem Theater kann sich der Zuschauer nicht einfach zurücklehnen und in eine Illusion abtauchen. Ob beim nachgespielten Interview zwischen Brechts Zeitgenossen Hans Bunge und Hanns Eisler ersterer verzweifelt ins Publikum blickt ob des Redeschwalls seines Interviewpartners, oder der ehemalige Festivalleiter Patrick Wengenroth als Bert Brecht – oder dann vielleicht doch als er selbst – über die Feuerwehrmänner im Martini-Park redet, seine Nachfolger kritisiert und dann mal eben die Zuschauer bittet, sich doch auch auf die Sitzplätze zu seiner Rechten zu setzen, damit er nicht immer nach links sehen muss – das Publikum ist Teil dieses Abends.

Prominenter Besuch aus Hannover

Gut passt sich auch das Gastspiel "Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution" in den Abend ein. Das Schauspiel Hannover hat das Stück von Heiner Müller unter der Regie von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner 2015 erstmals aufgeführt. In Augsburg kam es nun für eine Aufführung zurück. Auch hier kommen die von Brecht begründeten Mittel der Verfremdung voll zum Einsatz. Denn die meisten Textzeilen sprechen nicht die Schauspieler. Stattdessen läuft eine Tonspur von einer Lesung des Dramatikers selbst, die Schauspieler bewegen dazu die Münder. Mit dabei: Schauspielerin Corinna Harfouch, die am Ende der Vorstellung begeistert beklatscht wird. Zum Abschluss des Spektakels trat die Schauspielerin noch einmal in kleineren Rahmen gemeinsam mit der Band "Die Tentakel von Delphi" auf.

So eindrucksvoll Müllers Stück über das Scheitern einer Revolution ist – bei der Fülle des Spektakel-Programms fallen zwei Stunden schwer ins Gewicht. Wer sowohl das Gastspiel als auch das Spektakel erleben wollte, war wohl besser beraten, wenn er dafür zwei Abende eingeplant hat. Dieses Jahr steht nun allerdings nur noch ein Termin für die abend- und nachtfüllende Veranstaltung im Martini-Park an. Das "Spektakel Volume II" findet am Samstag, 22. Februar, mit einem komplett neuen Programm statt.

Fazit: Erfolgreich überfordert

Zumindest am ersten Abend ist das neue Konzept der Festivalleiter, verschiedene Veranstaltungen an einem Tag und an einem Ort zu versammeln voll und ganz gelungen. Wenn Besucherin Andrea Haas, die aus Mannheim angereist ist, am Ende des Abends sagt: "Eigentlich war es ganz cool, aber ich finde man ist ein bisschen überfordert", dann dürfte wohl auch Kuttner mit dem Verlauf des Abends zufrieden sein. Denn die Überforderung der Zuschauer war auch das Ziel des eng gepackten Programmes.

Ob Kühnel und Kuttner das Festival im kommenden Jahr erneut ausrichten werden, und ob es dann auch wieder ein Spektakel gibt, steht noch nicht fest. Wünschenswert wäre eine Wiederholung auf jeden Fall.

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