Rainer Graf aus Schwabmünchen wird barfuß den Meraner Höhenweg laufen und Spenden für ein Kinderhospiz sammeln

Ab und zu hinterlässt ein spitzer Stein eine Blutblase, die zwar schauerlich aussieht, unter der Hornhaut aber nicht schlimmer schmerzt, und bislang kein Tritt in ein Hundehäufchen: Rainer Graf geht seit Jahren nur noch barfuß. Foto: Monika Grunert-Glas

Er har sehr kurze Zehennägel, und seine Fußsohlen sind schwarz vor Schmutz. Kein Wunder, Rainer Graf läuft barfuß. Und zwar immer, sommers wie winters, wenn er nicht gerade seinem Beruf nachgeht. Er arbeitet in einer Werkstatt in Neusäß. Dort sind Sicherheitsschuhe vorgeschrieben. Nun aber will sich Rainer Graf einer echten Herausforderung stellen. Er möchte den Meraner Höhenweg wandern. 91 Kilometer, 6000 Höhenmeter, Geröll, steinige Wege, glitschige Bachläufe, feuchte Wiesen und heißer Asphalt sind zu bewältigen. Wozu das alles? Für einen guten Zweck, für das Kinderhospiz St. Nikolaus in Bad Grönenbach.

Rainer Graf ist, wie man in Bayern sagt, ein Prackl, ein großer, kräftiger Mann. Er trägt ausschließlich Lederhosen. "Die hier ist aus den 20er Jahren", sagt er. "Sie hat mich gefunden." Wichtig ist ihm eine gesunde Lebensweise mit Nahrungsmitteln, die "kein Dreck" sind. Das war nicht immer so.

2014 wog der Schwabmünchener 170 Kilo und blickte einer Zukunft entgegen, wo ihm schwante, wenn er denn noch das Alter erreichen würde, um mal ein Opa zu werden, dann würde er mit dem Enkel nicht mehr viel Spaß haben. "Ich hätte mich auf den Teppich legen können. Fertig." Als er bei seiner Mutter tapezieren sollte und sich nicht mehr bücken konnte, reichte es ihm vollends.

Er wandte sich an seinen Hausarzt. Dieser hatte wohl nicht viel Hoffnung, aber er gab dem schwer übergewichtigen Mann ein Buch. "Satt essen und abnehmen" von dem Münchner Professor und Ernährungsmediziner Volker Schusdziarra. "Das ist so geschrieben, dass es jeder Horst versteht", sagt Graf. Bei ihm löste es das berühmten "Klick" aus. Er stellte seine Ernährung um und nahm binnen sieben Monaten 60 Kilogramm ab. Seine Frau, die chronische Schilddrüsenprobleme hat, verlor 20 Kilo. "Bei ihr hatte zuvor keine Diät etwas gebracht", berichtet der 51-Jährige. "Diät", allein das Wort kann er schon nicht leiden. "Das löst negative Gefühle aus. Damit reißen Sie es nicht." Sein Credo: "Man soll sich nichts verbieten." Einfach auf den gesunden Menschenverstand hören, der sage einem schon, ob es etwa sinnvoll sei, eine Leberkässemmel zu essen, oder nicht.

60 Kilo in sieben Monaten abgenommen

Als er abgenommen hatte, war Rainer Graf "ein neuer Mensch". Nicht nur, dass seine Blutwerte und sein Blutdruck nun in Ordnung waren. "Da habe ich erst gemerkt, wie unzufrieden ich eigentlich durchs Leben gegangen bin. Ich war der lustige Dicke, nur nicht daheim." Jetzt begriff er: "Das Leben ist ein Geschenk." Plötzlich begrüßte er jeden Tag wie einen Neuanfang. Und er wollte mit den Menschen, den Tieren und der Umwelt so sorgsam und nachhaltig wie möglich umgehen. Darin fand er seine Erfüllung. Reduzierung aufs Beste. Eine Lederhose etwa, die quasi ein Leben lang hält. Keine schicke, moderne Uhr, sondern die Zwiebel vom Opa. Und: Weg mit den Schuhen.

Rund zwei Jahre hat es gedauert, bis sich seine Füße an die Nacktheit gewöhnt hatten. Graf, der unter Plattfüßen litt, erlebte, wie sich das Gewölbe wieder aufrichtete. Seine Rücken- und Hüftschmerzen vergingen. "Augsburg ist eine geile Stadt zum Barfußlaufen", hat er gemerkt. Etwa im Park am Dom, wo viele verschiedene Untergründe die Nerven anregen. "Da möchte ich vielleicht mal ein Treffen organisieren, dass die Leute kommen und die Schuhe ausziehen, um das zu erleben."

Die Menschen reagieren auf Rainer Graf, wenn er beispielsweise ohne Schuhe in seiner Tracht zum Einkaufen geht. "Sie sprechen mich im Supermarkt an. Und mancher erzählt mir sein ganzes Leben", staunt der Schwabmünchener.

Er möchte gern seine Einstellung weitergeben, die Menschen zum Nachdenken anregen. Zum Beispiel über Kinder, die im Hospiz sind, und deren Familien. "Bei Kindern geht mir das Herz auf", sagt Rainer Graf. Zu erleben, wie todkranke kleine Patienten fröhlich sind, mit ihren Geschwistern lachen, im Hospiz betreut werden, das hat ihn berührt. Deshalb will er Spenden für das Haus St. Nikolaus sammeln. Der Barfußlauf in Südtirol soll Aufmerksamkeit bringen. Weil die kranken Kinder auch keine schützende Sohle zwischen sich und ihr Schicksal schieben können.

Ein wenig Bedenken hat Rainer Graf schon, ob er binnen sieben Tagen mehr als 90 Kilometer laufen kann. "Vielleicht brauche ich auch acht oder neun Tage", kann er sich vorstellen. "Aber wahrscheinlich sind die Füße nach dem ersten Tag so aufgeblasen, dass die das schon schaffen", hofft er. Immerhin, meint er, könne er nicht umknicken, denn der nackte Fuß gleiche einen schiefen Untergrund leichter aus als der Fuß in einem steifen Schuh.

Im Januar kam ihm die Idee für den Barfußlauf. In vier Monaten soll es losgehen. Sein Arbeitgeber unterstützt das Vorhaben, indem er die Mitnahme der Überstunden bis in den Juli erlaubt. Ein Freund zeichnete ein Logo für die Aktion "BarfußHerz", und auch eine Homepage und Kalkulation wurden erstellt. Graf wünscht sich, mit seinem Lauf viele Menschen zu begeistern. Er möchte über www.barfussherz.de und unterwegs Spenden sammeln, um damit einerseits die Grundfinanzierung für die Tour zu stemmen, aber andererseits natürlich auch weitere Spenden für das Kinderhospiz zu generieren. Zur Wanderung selbst wird es Tutorials mit Tipps zum Barfußgehen und zur Fußpflege geben, dazu Clips zu Rainer Grafs "Fortschritten". Finden wird man diese unter #barfussherz und #barefootheart auf Youtube, Instagram und Facebook. (Monika Grunert-Glas)

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