Schwabmünchner läuft barfuß über den Meraner Höhenweg

Rainer Graf mit dem Barfußherz Logo. (Foto: Thomas Dankesreiter)
 
Auch der weiteste Weg beginnt mit einem ersten Schritt. (Foto: Thomas Dankesreiter)
 
Maskottchen Liesl vor einer Milchkanne. (Foto: Thomas Dankesreiter)
 
Die verarzteten Füße. (Foto: Thomas Dankesreiter)
Rainer Graf, 52 Jahre alt aus Schwabmünchen läuft seit Jahren nur noch barfuß. 2014 hat er es geschafft, 60 Kilo abzunehmen und sieht seitdem jeden Tag als Geschenk. Er versucht, so nachhaltig wie nur möglich zu leben und möchte etwas Gutes tun. Bei einem Besuch auf dem Markt in Bad Grönenbach fällt ihm ein Gebäude auf, welches er zuhause erstmal googelt. Es handelt sich um das Kinderhospiz St. Nikolaus - und schon ist eine Idee entstanden.
 

Auf die Frage, wie denn alles angefangen hat, kann Rainer Graf nur lachen: „Wenn ich da alles erzählen würde, säßen wir morgen noch hier.“ 2014 gab es einen großen Umbruch in seinem Leben, als er es endlich schaffte, 60 Kilo abzunehmen. Dies war wie ein Geschenk für ihn, denn vor allem, die Vorstellung, vielleicht nie mit seinem Enkel spielen zu können, machte ihm Angst. Seitdem dankt er dem Universum jeden Tag für diese Chance und es war klar für ihn, dass er dieses Geschenk nicht so leicht annehmen könnte, er müsste irgendetwas tun.

Das Hospiz

Bei einem Besuch auf dem Markt in Bad Grönenbach fiel ihm ein Gebäude ins Auge, welches ihn fesselte. „Warum, ist mir heute noch nicht klar, aber ich musste wissen, was das ist.“ Hierbei handelte es sich um das Kinderhospiz St. Nikolaus, einer Herberge für Familien mit unheilbar und lebensverkürzend erkrankten Kindern, die hier seit 2007 herkommen können, um eine Auszeit zu genießen. Das Hospiz begleitet die gesamte Familie bereits ab Diagnosestellung, während der gesamten Krankheitsphase und über den Tod hinaus. Der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst Allgäu betreut zusätzlich die Familien in ihrem häuslichen Umfeld mit ausgebildeten Ehrenamtlichen. In Deutschland gibt es keine kostendeckende Finanzierung für Kinderhospize gibt, deshalb finanziert sich das Hospiz durch Spenden und Erträge.
Doch die Idee, einfach Geld zu sammeln und dorthin zu spenden gefiel Rainer Graf nicht, da so eine Aktion schnell wieder in Vergessenheit gerät. Er wollte etwas machen, das noch lange nachhallt. Barfußgehen ist seit circa zwei Jahren immer mehr im Trend und das wollte er sich zu nütze machen. Den Meraner Höhenweg ist er 2017 schon gelaufen und so entstand aus einer fixen Idee nach und nach ein Plan: er würde den Weg noch einmal laufen, nur dieses Mal barfuß! Ein Freund von ihm entwickelte das Logo und er selbst die Homepage, doch kurz vor der Veröffentlichung zögerte er. Da er die Tour kannte, wusste er auch, dass es heikle Stellen gab. Als er seine Frau um Rat bat, sagte diese nur: „Du machst es ja doch, also warum nicht jetzt?“ Und schon war die Homepage und somit der Termin im Netz.

Viel zu planen

Bis zwei Wochen vor der Tour hatte er gar keine Zeit, so richtig darüber nachzudenken, da es etliches zu tun gab: die Homepage wurde ausgebaut, Werbung wurde gemacht, er traf sich mit dem Kinderhospiz und seine Frau schrieb viele Mails und half ihm bei allem. Er hatte sogar angefangen, Tagebuch zu schreiben, da so viele Gedanken aufgefangen werden wollten.
Zwei Wochen vor der Tour, als es dann ums Packen und genauer Planen ging, wurde ihm immer mulmiger zu Mute. Das Vorhaben war rund um die Uhr in seinem Kopf. Doch er wusste jeden Tag, dass es das wert war, denn die Aktion hatte schon im Vorfeld viel bewegt. Freunde von ihm spendeten, Firmen schrieben ihm, dass sie bereits gespendet hatten und ein Kumpel, der ein paar Tage zuvor in Meran war, hatte ihm schon ein Zimmer in einer Hütte für den geplanten Tag gebucht. „Das war wirklich unglaublich!“, meint Rainer Graf.

Der erste Tag

Doch als er dann am besagten Tag am Parkplatz der Bergbahn ankam, wurde ihm richtig schlecht. „Dieses Gefühl glich einer Prüfungsangst und hielt bis zum Abend an. Doch dann passierten schon die ersten guten Dinge.“ Auf der Hütte lernten sie - ein Freund war als Kameramann mit dabei - einen Schweizer kennen, der, nachdem er von dem Vorhaben erfahren hatte, einfach 50 Euro aus seiner Tasche zog und auf den Tisch legte, um die Tour zu unterstützen. Und dann ging es los. Immer dabei: Die Fahne mit dem Logo auf seinem Rucksack und das Maskottchen des Kinderhospizes, die Kuh Liesl.
Das Barfußlaufen hat viele Nachteile, die offensichtlich sind: spitze Steine, scharfe Steine und Unebenheiten. Hier war sein Wanderstab, den er sich auf dem Weg 2017 aus einem Haselnussstrauch rausgeschnitten hatte, goldwert. Außerdem sieht man nicht viel von der Umgebung, außer man bleibt explizit stehen. Doch es hat auch einige Vorteile, die Rainer Graf vorher gar nicht bewusst waren: Man muss zwar auf jeden Schritt achten, merkt, wie oft man sich täuschen kann und läuft teilweise wie ein Storch. Mental ist es anstrengend und die Füße sind auch kaputt, aber der Rest vom Körper bleibt viel fitter, als beim Wandern mit Schuhen. Außerdem rutscht man Barfuß bei Weitem nicht so schnell ab.

Gar nicht so einfach

Besonders wichtig war ihm, dass er die Stettiner Hütte erreicht. Dort wollte er für den Sohn eines Freundes ein gesegnetes St. Ullrichs Kreuz ablegen, damit dieser es sich eines Tages, wenn es ihm besser geht, holen kann. Doch dies war auch der schwierigste Teil der Tour, da es Wochen zuvor noch geschneit hat und der Schnee lange liegen blieb. Rainer Graf hatte sich zuhause extra eine Art Schneeschuh aus einer Gitterbox und Leder gebastelt, den er sich zur Not mit Panzertape um den Fuß gewickelt hätte. Doch das Schicksal meinte es gut mit ihm und der Schnee war schon leicht angetaut, wodurch er barfuß einen sehr guten Halt hatte. Außerdem war das kühle Weiß eine Wohltat für die Füße. Diese wurden nämlich jeden Tag aufs Neue herausgefordert. „Doch es ist wirklich der Wahnsinn, was der Körper nachts leistet. Abends bin ich mit schmerzenden Füßen ins Bett, morgens konnte es wieder weitergehen.“, staunt Rainer Graf.
Doch all die Mühe und die Schmerzen waren es wert, wenn er an die vielen positiven Begegnungen denkt, die er auf seiner Tour gemacht hat.

Tolle Reaktionen

Eine Doktorfamilie war besonders interessiert, da sie selbst mit krebskranken Kindern zu tun hatten. Diese traf er auf dem Weg immer wieder, in einer Hütte sorgten sie sogar dafür, dass er, wenn er ankam, etwas zu trinken hatte, obwohl sie selbst schon längst weitergelaufen waren. Außerdem ritzten sie vor ein Viehgatter das Barfußherzlogo in den Sand, da sie wussten, dass er dort anhalten musste, um das Gatter zu öffnen. Als er bei dem ersten Schneefeld ankam, war auch dort das Logo in den Schnee gemalt. „Es sind die kleinen Dinge, die einen wirklich zu Tränen rühren.“
Als er auf einer Hütte einer Familie seine Geschichte erzählte, musste er kurz unterbrechen und sich abwenden, da ihm die Tränen schon in den Augen standen. Als er sich wieder gefangen hatte und sich seinen Zuhörern zuwendete, schaute er in lauter weinende Gesichter:
„Zu sehen, wie man andere Menschen mit seiner Geschichte berührt, ist ein unbeschreibliches Gefühl!“
Als es an einem Tag zu regnen anfing, fand er in einer Hütte Unterschlupf und kam mit der Wirtin und ihrem Sohn ins Gespräch. Plötzlich zog der Sohn einen Geldschein aus der Tasche, um ihn an das Hospiz zu spenden. Kurze Zeit später kam die Wirtin und spendete auch noch was. Als sie erfuhr, dass ihr Sohn schon etwas gegeben hatte, meinte sie nur: „Das macht nichts, sowas unterstütze ich gerne!“ Außerdem schenkte ihm ein Holländer, der davon mitbekam, einen Schlüsselanhänger mit zwei kleinen Schuhen als Glücksbringer.
Rainer Graf war es auch sehr wichtig, dass er strikt trennt, was die Leute ihm für seine Tour und was für das Hospiz gegeben haben. Alles, was ihm für das Hospiz gegeben worden ist, hat er zuhause sofort überwiesen. Er hat auch kein Spendenkonto errichtet, jeder der spenden möchte, macht dies direkt an das Hospiz. So weiß er aber auch nicht, was für eine Summe schon zusammengekommen ist, da er nur einmal im Jahr ein Schreiben über den Betrag bekommt. Seine Tourkosten sind jedoch vollkommen gedeckt worden und von dem, was er weiß, hat das Hospiz auch schon gute Spenden erhalten.

Der letzte Tag

Am letzten Tag hatten weder seine Füße noch sein Kopf Lust, sich auf den Weg zu machen. Als er sich endlich überreden konnte, loszulaufen, versuchte er, den Abschnitt möglichst entspannt zu halten und machte viele Pausen. An einem Gatter kurz vorm Ende wartete sein Freund schon auf ihn, der nicht ganz mitlaufen konnte, da er Hüftprobleme bekam. Dieser hatte dort das Logo des Barfußherzen mit Sägespänen auf den Boden gemalt. Das war der Moment, in dem es Rainer Graf plötzlich bewusstwurde: „Die sieben Tage waren vorbei. Ich hatte es tatsächlich geschafft! Bis zum heutigen Tag habe ich das noch nicht richtig realisiert.“

Es ist geschafft!

Als er dann die Hütte betrat, fingen die Menschen dort plötzlich an zu klatschen. Jeder wusste Bescheid und er wurde mit Begeisterung empfangen. Er lernte vier Frauen kennen. Eine von ihnen kennt eine Familie, die auch einmal im Jahr in ein Hospiz gehen. „Sobald sie die Schwelle des Hospizes betreten, atmet die ganze Familie auf.“
Und da wusste Rainer Graf: „Die Sache war es definitiv wert! Und ich hoffe, dass sie noch lange nachhallt und viele Menschen zum Nachdenken anregt.“
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1 Kommentar
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Sabine Presnitz aus Schwabmünchen | 19.08.2019 | 19:53  
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