„Die Politik muss noch einiges bringen!“

Kinderarmut darf es bei uns nicht mehr geben, waren sich die Teilnehmer der Sozialkonferenz in Stadtbergen einig. Im Bild von links die Hauptredner: Vizechefin der AWO Schwaben und Bayern Brigitte Protschka, Sozialwissenschaftlerin Gerda Holz und AWO-Landesvorsitzender Thomas Beyer.
 

Große Sozialkonferenz in Stadtbergen mit 100 Fachleuten geht auf die Armutsfrage bei Familien und Kindern ein und stellt noch vor der diesjährigen Landtagswahl ein ganzes Paket an Forderungen. In der Stadt Augsburg lebten im Jahr 2016 in jeder dritten Bedarfsgemeinschaft nach dem SGB II ein oder mehrere Kinder.

Unter dem Titel „Armut von Kindern und Familien in Bayern – Zahlen und Gesichter“ hat sich die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Bayern nun in Stadtbergen zusammengefunden, um mit rund 100 Fachleuten noch vor der diesjährigen Landtagswahl auf die aktuelle Lage einzugehen, Hilfen in der örtlichen Praxis vorzustellen und um Mitarbeit zu bitten. Gastgeber dieser Sozialkonferenz war der AWO-Bezirksverband Schwaben als großer Träger der Kinder- und Jugendhilfe.

„Armut ist in Bayern eine nicht zu leugnende Realität“, stellte Thomas Beyer, AWO-Landesvorsitzender in Bayern und Prof. für Recht in der sozialen Arbeit an der TH Nürnberg, in seinem Vortrag fest und nannte auch zur Schwaben-Metropole Augsburg Zahlen. Dort, so seine Aussage, lebten im Jahr 2016 in jeder dritten Bedarfsgemeinschaft nach dem SGB II ein oder mehrere Kinder (ca. 3000 von etwa 9000 Bedarfsgemeinschaften). Selbiges Verhältnis habe zu diesem Zeitpunkt auch in der Stadt Nürnberg (ca. 8000 von etwa 25000 Bedarfsgemeinschaften), die derzeit im medialen Fokus der Armutsfrage ist, bestanden.

AWO Schwaben stockt Hilfsfonds mit 50.000 Euro auf

„Solche Zahlen sind natürlich immer eine statistische Betrachtungsweise“, merkte Beyer an, „doch gründet sich diese Betrachtung auf Erfahrungswerte. In der Armutsfrage geht es letztlich darum, vor Ort – zum Beispiel als Kind in der Schulklasse - die gleichen Möglichkeiten zu haben.“ Der eigentliche Skandal sei, dass es Bayern trotz seines wirtschaftlichen Aufschwungs bis heute nicht geschafft habe, den von Anfang an benachteiligten Kindern eine gute Zukunft zu sichern, betonte die stellvertretende Vorsitzende der AWO Schwaben und Bayern, Brigitte Protschka. Sie freute sich verkünden zu dürfen, dass die AWO Schwaben anlässlich dieser Sozialkonferenz ihren Fonds für von Armut betroffene Kindern und Familien mit weiteren 50.000 Euro aufgestockt hat.

Hans Scheiterbauer-Pulkkinen, AWO-Schwaben-Vorstand für Kinder- und Jugendhilfe, stellte weitere Hilfen vor, wie sie zum Teil auch andere Wohlfahrtsverbände anbieten. 2016 und 2017 habe die Buchhaltung der AWO Schwaben fast 50.000 Euro ausgebucht, weil Familien nicht mehr in der Lage waren, etwa die Kindergartengebühr zu tragen. Jugendämter helfen, wenngleich nicht in jeder Situation „Von den 2.600 von uns betreuten Kindern erhalten ca. 800 Kinder eine Unterstützung durch das Jugendamt“, so Scheiterbauer-Pulkkinen. Vorstandsvorsitzender Dieter Egger erwähnte zudem den Sozialfonds für bei der AWO Schwaben tätige Mitarbeiter. Fonds und andere Hilfsangebote gibt es auch in zahlreichen AWO-Kreis- und Ortsverbänden. Die AWO Babenhausen stellte bei der Konferenz zudem ihre Lebensmittelhilfe vor. Frauenhäuser bieten ebenfalls Unterstützung, wie man am Neu-Ulmer Beispiel sah. Eines aber bleibt: Betroffene wollen in der Mehrheit auch langfristig heraus aus ihrer Bedürftigkeit.

Armutsfolgen sind für Kinder gravierend

„Eine gute Zukunft erfordert eine frühestmögliche Prävention“, so die Expertise der Sozialwissenschaftlerin Gerda Holz, Leiterin der AWO-ISS-Studie „Lebenslagen und Zukunftschancen von (armen) Kindern in Deutschland“. Der Studie zufolge sind die Armutsfolgen für Kinder gravierend. Neben dem Risiko, früh zu erkranken und im weiteren Lebensverlauf noch kränker zu werden, bestehen geringere Bildungschancen mit der Folge, dass viele Berufe nicht ergriffen werden können, auch wenn die Kinder eigentlich das Potential dazu haben. Betroffene Kinder haben zudem immer das Gefühl nicht dazuzugehören. Demnach beschränkt sich die Armutssituation von Kindern nicht nur auf die materielle Lage bzw. die Grundversorgung. Auch kulturelle, gesundheitliche und soziale Aspekte spielen eine Rolle. „Die Politik muss hier noch einiges bringen“, betonte Holz.

Wie dieser Handlungsbedarf genau aussieht, erarbeitete die Sozialkonferenz im Gremium. SPD-Landtagsabgeordneter Harald Güller warf unter anderem die Forderung nach bezahlbarem Wohnraum ein. Sein Kollege von den Freien Wählern, Johann Häusler, ging auf die unterschiedlichen Lebensbedingungen in der Stadt und auf dem Land ein und plädierte für die Stärkung des ländlichen Raumes, wo Armut ebenfalls vorhanden sei, wenn auch weniger sichtbar als in der Stadt. Lisa Hagins von der Diakonie Augsburg etwa forderte Hilfen aus einer Hand. „Man wird wahnsinnig mit den vielen Anträgen.“ Bärbel Berger, Leiterin des AWO-Kinderhauses in Neu-Ulm, bekräftige dies und hob die Kompliziertheit der Anträge hervor. Groß infrage gestellt wurde die Anrechnung anderer Sozialleistungen auf das Arbeitslosengeld (ALG) II. Das sei doch früher auch ohne gegangen, hieß es.

„Kinderarmut muss in den nächsten Jahren abgeschafft werden. Da darf man nicht auf Godot warten, sondern muss jetzt damit starten“, sagte Erich Fenninger, Geschäftsführer der Volkshilfe Österreich. Als Vertreter des AWO-Partnerverbands war er ebenfalls nach Stadtbergen gereist, denn auch in Österreich, das wie Bayern als reich gilt, ist Armut eine nicht zu leugnende Realität.

Die Forderungen im Überblick:

  • kostenfreie KiTa-Plätze 
  • eine Verbesserung der Situation von Alleinerziehenden (z.B. durch flexible Betreuungsmöglichkeiten und ein Rückkehrrecht aus Teilzeit- in Vollzeitbeschäftigung) 
  • Kindergrundsicherung 
  • kostenfreie bzw. vergünstige öffentliche Angebote sowie Zugang zu diesen 
  • Entbürokratisierung (Hilfen „aus einer Hand“ und vereinfachte Antragsformulare) 
  • auskömmliche tarifgebundene Entlohnung 
  • bezahlbarer Wohnraum 
  • gleiche Rechte für alle Kinder, unabhängig von Status, Religion oder Nationalität 
  • verbesserte Integrationsmaßnahmen für Kinder mit Behinderungen 
  • Stärkung des ländlichen Raums 
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