„Ein Schatz, der gehoben werden muss!“ meint Christine Kamm, Vorsitzende der Ortsgruppe Augsburg BUND in Bayern e.V. (BN)

Freitag, 28. Februar 2020 - 10:09

Bericht: Christine Kamm, Vorsitzende der Ortsgruppe Augsburg BUND in Bayern e.V. (BN)

Unsere einheimischen Wildbienen sind in Gefahr – was können wir dagegen tun?

„Ein Schatz, der gehoben werden muss!“

Von den über 550 in Deutschland beheimateten Wildbienenarten sind laut Roter Liste mittlerweile 31 vom Aussterben bedroht, 197 gefährdet und 42 Arten stehen auf der Vorwarnliste. Mehr als die Hälfte aller Arten ist also im Bestand gefährdet. Die BN-Ortsgruppe Augsburg lud daher Frau Prof. Susanne Renner, Inhaberin des Lehrstuhls für Systematische Biologie und Mykologie sowie Direktorin der Botanischen Staatssammlung und des Botanischen Gartens München am 6.2.2020 nach Augsburg ein.

Wildbienen sind von enormer Bedeutung für unser Ökosystem. Wildbienen – zu denen auch die Hummeln gehören – sammeln wie Honigbienen Nektar und Blütenstaub und spielen deshalb eine wesentliche Rolle bei der Bestäubung von Blütenpflanzen – dabei sind einige Arten als Bestäuber effektiver als Honigbienen, je nach Art der Blüte. Manche Pflanzen wie Tomaten oder Glockenblumen werden ausschließlich von Wildbienen bestäubt.

Das Fazit der Fachfrau: „Den meisten Bienenarten geht es nicht gut. Allgemein scheint die Artenvielfalt von Bienen aufgrund der intensiven Landwirtschaft und des verstärkten Einsatzes von Pestiziden rückläufig zu sein. Beide Faktoren wirken sich negativ auf Nahrungsquellen oder Nistmöglichkeiten aus“. Dazu komme, dass die Bienen in landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten vor allem im Spätsommer zu wenig Nahrung finden und der Pestizideinsatz.

Zwei Faktoren sind extrem stark mit einer Gefährdung korreliert: Die Habitatpräferenz –, also die Spezialisierung auf einen Lebensraum – und eine Flugzeit erst im Spätsommer“, so die Forschungsergebnisse von Dr. Michaela Hofmann: Das Bienenvorkommen in den Städten ist annährend stabil. Bienen, die im Frühling ausfliegen, wie etwa die gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta), gelten als nicht gefährdet. „Den Spätfliegern – dazu gehört beispielsweise die Zahntrost-Sägehornbiene (Melitta tricincta) – vor allem auf dem Land geht es nicht gut, weil es dort dann nicht mehr genug Nahrung gibt.“ Landwirtschaftlich intensiv genutzte Flächen sind im Spätsommer von Blüten ausgeräumt, während es im Frühling wenigstens noch Massenpflanzen wie Raps und blühende Obstplantagen gibt. Dieser Faktor ist für die Wissenschaftler der wahrscheinlichste Grund für den Rückgang der Wildbienenarten in Deutschland.

„Die Förderung umweltfreundlicher Anbaumethoden, wie sie im Volksbegehren Artenvielfalt gefordert werden, könnte auch spätfliegenden Bienenarten zugutekommen“, sagt Renner. Helfen würden nach Ansicht der Wissenschaftler beispielsweise eine seltenere Mahd, ein Netz von Blühflächen oder das Stehenlassen von Ackerrandstreifen mit Ackerunkräutern.

Frau Renner wies darauf hin, dass viele Wildbienen deutlich kleiner als die Honigbiene sind. Die Wege, die die Weibchen bei der Pollen- und Nektarsuche zurücklegen, sind daher deutlich kürzer. 92% der Bienen sind nur 4,5 bis 13,5 mm groß und ihre Aktionsradien liegen bei etwa 73 bis 121 m. Dies bedeutet, dass die Zerschneidung von Lebensräumen für diese Arten sehr viel schneller fatale Folgen haben kann. Ein großes Getreidefeld kann schon eine unüberwindbare Barriere darstellen.

Frau Renner berichtete auch über die positiven Wirkungen von Blühstreifen und bringt Beispiele aus dem Münchner Umfeld. Auch Privat- oder Kleingärten können durch Pflanzen von möglichst diversen Pflanzenarten die Lebensbedingungen für Wildbienen verbessern. Wichtig ist die Diversität der Pflanzenarten, damit viele Bienen-Arten eine Chance bekommen. Der Erhalt standorttypischer Magerrasen oder Schotterflächen ist zudem für unsere seltenen gewordenen Arten besonders bedeutsam.

In der sehr lebendigen Diskussion über Möglichkeiten der Hilfestellung für unsere Wildbienen ging es um die Frage, unter welchen Bedingungen die Blühstreifen wirksam sind. „Die bisherigen Beobachtungen zeigen“, so Renner, „dass sie wirksamer sind, wenn die Störungen an den Rändern möglichst gering sind. Wichtig ist zudem, dass sie vernetzt sind, bzw. die Abstände zwischen ihnen idealer Weise höchstens 100 m betragen. Blühstreifen an mit Pestiziden behandelten Ackerflächen oder an schnell- und vielbefahrenen Straßen helfen den Wildbienen vermutlich wenig. “

Natürlich ist es umständlicher und teurer, erst nur eine Hälfte der öffentlichen Flächen zu mähen, und 2 oder 3 Wochen später wiederzukommen, um die andere Hälfte zu mähen. An verschiedenen wertvollen Flächen geschieht dies bereits auch in Augsburg, „es müsste jedoch in der gesamten Stadt so praktiziert werden“, so Christine Kamm, „denn die flächendeckende Mahd bedeute das Aus für zu viele Insektenarten.“

Frau Prof. Renner berichtet vom hohen Engagement nicht nur von Biologiestudenten allgemein, sondern speziell auch von Lehramtsstudenten bei Forschungsarbeiten. „Augsburg hat zwar leider keine Biologiefakultät, aber viele an Biologie interessierte Lehramtsstudent*innen, die ja später am Naturschutz interessierte Schülerinnen und Schüler unterrichten werden“, stellte die BN-Ortsgruppenvorsitzende Christine Kamm fest. Zudem verfügt Augsburg durch viele weit zurückreichenden Erhebungen des über 170 Jahre bestehenden naturwissenschaftlichen Vereins über interessante Datengrundlagen, die jetzt für die heutige Insektenforschung von großem Wert sind. Alte Bestandszählungen können nun mit den heutigen Daten verglichen werden. „Augsburg hat viel Potential für Insektenforschung, ein Schatz, der gehoben werden muss!“ ist Christine Kamm überzeugt.

 

 

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