Stolperstein für ein Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde : Sebastian Zacher

von LeserReporter Dr. Bernhard Lehmann aus Gersthofen
Dienstag, 14. Juli 2020 - 11:30 - 12:15

Sebastian Zacher, geb. am 26.11. 1885 in Gersthofen, Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde (sog. "Euthanasie"), ermordet in Grafeneck am 25. 11.1940 

Familie und Beruf

Sebastian Zacher ist in Gersthofen geboren. Mit 28 Jahren heiratet er Josefa Berchtold aus Zusamzell. Das Paar hat zwei Töchter, Sabina und Anna. Die Familie wohnt in Gersthofen in der Ludwig-Hermann-Straße 19. Sebastian ist Maurer von Beruf, er ist 1,64 m groß und hat dunkelblonde Haare. Das Haus, vor dem der Stolperstein verlegt wird, hat Sebastian Zacher 1922 selbst erbaut. 

Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren als Folge eines Unfalls

Als Folge eines Unfalls wird er im August 1937 von Dr. Schwald wegen „geistiger Verwirrtheit“ ins Städtische Krankenhaus Augsburg überwiesen. Seine Frau sucht die Ursache hierfür in einer 10 Jahre zurückliegenden Infektion, zudem habe ihr Mann 1936 eine schwere Kopfverletzung erlitten. Dr. Zaglmayr folgert daraus, dass bei Sebastian Zacher eine fortgeschrittene paralytische Demenz vorliege, für die eine Kur wenig aussichtsreich erscheine. Er überweist Sebastian Zacher deshalb in die Heil- und Pflegeanstalt nach Kaufbeuren.

Behandlung in Kaufbeuren und Entlassung

Die Ärzte in Kaufbeuren führen ab 26. August 1937 einen Patientenbogen von Sebastian Zacher, auf dem sie ihre Beobachtungen eintragen. Weil seine paralytische Demenz noch nicht weit fortgeschritten ist, wird er mit Malariablut geimpft. Am 13. November 1937 ist die Wismuth Neosalvarsan Behandlung abgeschlossen. Der Patient, so die Beobachtungen, befinde sich in euphorischer Stimmung. Knapp ein Jahr später wird Sebastian Zacher am 9.11.38 entlassen, die Familie holt ihn ab. 

Erneute Einweisung in Kaufbeuren

Aber nach einem halben Jahr kommt Sebastian wegen seiner psychotischen Erkrankung Ende Mai 1939 erneut ins Städtische Krankenhaus in Augsburg und von dort nach Kaufbeuren.
Weitere Beobachtungen der Kaufbeurer Ärzte zum Gesundheitszustand von Sebastian Zacher sind nicht erhalten. Im Patientenbogen findet sich aber ein Schreiben des Kaufbeurer Arztes Dr. Mandel vom 5. August 1940, in welchem er auf eine Anfrage von Josefa Zacher antwortet. 

Sehr geehrte Frau Zacher!
In dem Befinden ihres Ehemanns ist keine wesentliche Änderung eingetreten. Der Kranke sitzt …. in der Abteilung, breitet zerrissene Zeitungen um sich herum aus und schaut oft stundenlang untätig vor sich hin. Tagsüber ist er in der Tütenkleberei beschäftigt und ist für leichte Arbeiten zu gebrauchen. Wir haben ihn jetzt auf eine Nichtwachabteilung versetzt, wo er ganz gut zu haben ist. Sein körperliches Befinden ist zufriedenstellend. Gez. Dr. Mande
l.

"Verlegung" in die Tötungsanstalt Grafeneck bei Reutlingen

Gemäß den Standbüchern der Zu- und Abgänge aus der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren und der am 30.8.2018 veröffentlichten Liste des Bundesarchivs Berlin wird Sebastian Zacher am 25. November 1940 nach Grafeneck „verlegt“ und dort noch am gleichen Tag durch Gas getötet. Seine Ermordung erfolgt einen Tag vor seinem 55. Geburtstag. 

Planungen zur Durchführung der Krankenmorde 

Die Ermordung geistig und körperlich Beeinträchtigter und anderer als „minderwertig“ angesehener Menschen ist ein zentrales Anliegen des Nationalsozialismus, das seine Wurzeln in den Jahrzehnten zuvor sich in Wissenschaft und Politik ausbreitenden rassistischen, rassehygienischen und sozialdarwinistischen Vorstellungen hat. 
Die Planung der Morde an erwachsenen Geisteskranken beginnt im Spätsommer 1939 und wird von Reichsleiter Philipp Bouhler, Hitlers Leibarzt Prof. Karl Brandt und Hauptamtsleiter Viktor Brack initiiert. Ministerialrat Herbert Linden als Leiter der Abteilung IV im Reichsministerium des Inneren ist für die Realisierung zuständig. Die Vertreter der Städte und die Richter der Oberlandesgerichte werden allesamt von der Aktion informiert.
Kurz nach Kriegsbeginn beginnt am 21.9.1939 der bürokratische Zugriff auf sämtliche im Reichsgebiet befindlichen Anstalten, in denen Geisteskranke, Epileptiker und Patienten, die nicht nur vorübergehend verwahrt werden. Anfang Oktober erfolgt die individuelle, „planwirtschaftliche“ Erfassung der Insassen per Fragebogen. 

Meldung der nicht arbeitsfähigen Patienten nach Berlin

Dr. Leonardo Conti, Staatssekretär im Reichsinnenministerium, fordert die Heil- und Pflegeanstalten per Runderlass zur Benennung bestimmter Patienten mittels Meldebogen auf. Folgende Patienten müssen in die „Zentraldienststelle“ in der Tiergartenstraße 4 in Berlin (so wird die Tarnorganisation für die Krankenmorde genannt) gemeldet werden: 
Menschen, die an Schizophrenie, Epilepsie, Encephalitis, Schwachsinn, Paralyse, Chorea Huntington erkrankt sind, Menschen mit seniler Demenz , Patienten, die nicht oder nur noch mit mechanischen Arbeiten beschäftigt werden können; Menschen, die schon länger als fünf Jahre in der Anstalt sind; Kriminelle „Geisteskranke“ sowie Menschen, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen oder nicht "artverwandten Blutes" sind. Zudem möchte man Auskunft über die Häufigkeit von Besuchen von Angehörigen. 

Gutachter entscheiden am grünen Tisch über den Tod von Patienten

Diese Meldebögen werden an die T-4 Zentrale in Berlin weitergeleitet. Drei „Gutachter“ entscheiden am grünen Tisch aufgrund der Meldebögen, also nicht aufgrund eigener Untersuchungen über Tod oder Weiterleben der Patienten. 
Dem Kaufbeurer Anstaltsleiter Dr. Valentin Faltlhauser werden seit dem Frühjahr 1940 von Berlin Listen mit den Namen der Patienten zugesandt, welche die Gutachter in Berlin für „lebensunwürdig“ halten und welche dementsprechend in eine „Reichsanstalt“, in Wahrheit Tötungsanstalt überwiesen werden sollen. 

Die Rolle des Kaufbeurer Anstaltsleiter Dr. Valentin Faltlhauser

Dr. Valentin Faltlhauser ist seit September 1940 selbst Gutachter der Aktion T-4. Weil er die Patienten vor Ort besser kennt als die Gutachter in Berlin, wird er auf den Listen Veränderungen vorgenommen haben. Faltlhauser ist zudem „Mitglied einer Kommission, die in unzuverlässigen Anstalten die zur Tötung bestimmten Patienten vor Ort auswählte“. 
Für Sebastian Zacher bedeutet die „Verlegung“ nach Grafeneck das Todesurteil. Sein Name befindet sich auf der Liste der Personen, die am 25.11.1940 nach Grafeneck zum Zweck der Ermordung gebracht werden. Den Angehörigen werden nach der Vergasung der Opfer Todesurkunde und Asche des Verstorbenen zugesandt. Der Zeitpunkt des Todes und die Todesursache sind frei erfunden. 
Der Familie Zacher und der Gemeinde Gersthofen wird als Todesdatum der 8. Dezember 1940 mitgeteilt. Die Angehörigen erhalten zusammen mit der Todesurkunde ein Beileidsschreiben, dessen Einheitswortlaut besagt, dass der Tod für den Betreffenden eine "Erlösung" dargestellt habe. 

Weitere Mordopfer aus Augsburg auf der Liste

Mit Sebastian Zacher auf der Liste der zu ermordenden Personen aus der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren befinden sich weitere 15 Personen aus Augsburg. 
Die sechs mit Gaskammern und Krematorien ausgestatteten Mordzentren waren Grafeneck bei Reutlingen, Brandenburg an der Havel, Bernburg an der Saale, Hadamar in Nordhessen, Sonnenstein bei Pirna und Hartheim bei Linz. Bei der Aktion T 4 werden insgesamt 70.273 Menschen ermordet.

Personelle Kontinuität zwischen den Tötungsanstalten und den Vernichtungslagern in den besetzten Gebieten

Die Täter von Grafeneck finden sich in den Vernichtungszentren des Holocaust wieder. Dr. Horst Schuhmann, der erste Leiter und ärztliche Direktor von Grafeneck, ist ab Herbst 1942 Lagerarzt in Auschwitz und selektiert an der Rampe von Birkenau Menschen für grausame, oftmals tödliche Röntgensterilisationsversuche. 
Christian Wirth, bis 1939 Kriminalkommissar in Stuttgart, steigt zum Inspekteur aller sechs Vernichtungsanstalten der Aktion T-4, zum Polizeimajor und SS-Sturmbannführer auf. Dann wirkt er an der „Endlösung“ der Judenfrage, der Ermordung der europäischen Juden mit. Im Rahmen der „Aktion Reinhard“ leitet Wirth den Aufbau des Vernichtungslagers Belzec, wird später dessen erster Kommandant und ab 1. August 1942 zum Inspekteur der Vernichtungslager Belzec, Treblinka und Sobibor ernannt. Dort sind nach heutigem Wissensstand 1,75 Millionen Menschen ermordet worden. 

Wir wollen mit einer Opferbiografie im Online Gedenkbuch und einem Stolperstein an Sebastian Zacher erinnern. 

Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann, StD i.R., Gegen Vergessen-Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben; 86368 Gersthofen, Haydnstr. 53 bernhard.lehmann@gmx.de 
Die ausführliche Biografie finden Sie unter www.gedenkbuch-augsburg.de 

Quellen und Literatur:

Stadtarchiv Gersthofen, EWO Karten Zacher Sebastian, Josefa, Anna
Historisches Archiv BKH Kaufbeuren, Standlisten Zu- und Abgänge Männer, Frauen 1940
BArch R 179, Nr. 8819: Zacher Sebastian
https://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Downloads/Aus-unserer-Arbeit/liste-patientenakten-euthanasie.pdf?__blob=publicationFile, S. 400 von 408
Aly, Götz, Die Belasteten. „Euthanasie“ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte; Frankfurt 2012
Aly, Götz (Hrsg.): Aktion T4: 1939-1945. Die „Euthanasie“-Zentrale in der Tiergartenstraße 4. Zweite Auflage, Berlin 1989 
Burleigh Michael(Hrsg.): Tod und Erlösung. Euthanasie in Deutschland 1900-1945, Zürich 2002; 
von Cranach, Michael/ Schweizer-Martinschek, Petra, Die NS-„Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, in: Stefan Dieter (Hrsg.): Kaufbeuren unterm Hakenkreuz, Kaufbeurer Schriftenreihe Band 14, Thalhofen 2015, S. 270-287

Klee Ernst(Hrsg.), Dokumente zur „Euthanasie“. Frankfurt/Main 1985.
Pötzl, Ulrich, Sozialpsychologie, Erbbiologie und Lebensvernichtung. Valentin Faltlhauser, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee in der Zeit des Nationalsozialismus, München 1995
Schulze, Dietmar, Auch der „Gnadentod“ ist Mord. Dar Augsburger Strafprozess über die NS-„Euthanasie“-Verbrechen in Kaufbeuren und Irsee, Irsee 2019
Stöckle, Thomas, Grafeneck 1940. Die „Euthanasie“-Verbrechen in Südwestdeutschland; 3. Auflage 2012

Sie wollen Pate für einen Stolperstein werden? So geht’s: 

Wir freuen uns, wenn Sie die Patenschaft für einen Stolperstein übernehmen. 
In diesem Fall wenden Sie sich bitte an folgende e-mail-Adresse: info@stolpersteine-augsburg.de oder aber an bernhard.lehmann@gmx.de 
Ein handgefertigter Stolperstein kostet 120 Euro. 
Sie können den Betrag überweisen auf das folgende Konto: 

Initiative Stolpersteine 
IBAN: DE19720900000001290509 
BIC: GENODEF1AUB 
bei der VR Bank Augsburg-Ostallgäu eG

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