Verlegung von 3 weiteren Stolpersteinen am Donnerstag den 22.Oktober 2020 in Augsburg: Wegen derzeit steigender Infektionszahlen auf unbestimmte Zeit verlegt!

von LeserReporter Dr. Bernhard Lehmann aus Gersthofen
Donnerstag, 22. Oktober 2020 - 13:30 - 16:30
Bitte beachten Sie: wegen der derzeitigen Coronalage haben wir die geplante Stolpersteinverlegung am 22.10. abgesagt. Sobald sich die Lage bessert, werden wir die Steine verlegen und sie benachrichtigen. 

Auf Betreiben der Stolpersteininitiative Augsburg und Umgebung werden am Donnerstag, den 22.Oktober ab 13.30 drei weitere Stolpersteine verlegt, und zwar für:

Max Schwarzenberger, Opfer der Aktion 14f13, Rosengasse 2. Verlegung ab 13.30 Uhr

Werner Fischer, Opfer der Aktion T-4, Donauwörtherstr. 155; Verlegung ab 14.30 Uhr

Ludwig Miehle, Opfer der sogenannten "Dezentralen Euthanasie", Rugendasstr. 3; Verlegung ab 15.30 Uhr

Bitte die Veränderung im Verlegeplan beachten! Der Stein für Max Schwarzenberger wird nun bereits um 13.30 Uhr verlegt, nicht um 16.30 Uhr

Zu den Opferbiografien: 

Werner Fischer, geb. 1927, ermordet am 4.6.1941 in Hartheim/Linz im Rahmen der Aktion T 4, Stolperstein in der Donauwörtherstr. 155

Verlesung der Biografie:   Johanna Streil und  Antonia Streubert, 9b

Musiker: Verena Baumgärtner, Jakob Kramer, Hannah Nowak, alle 9a

Sänger:  Celina Friedl, Mia Gören, Franziska Klug,  alle 9b; theresa Appel, Melike Dixon, Katja Hörmann, Emma Kapfer, Maria Propp,  alle 9a

Lehrer:    Ursula Wohlfahrt und Oliver Schönwälder

Werner Fischer ist am 16. Juni 1927 in Augsburg als uneheliches Kind des Schreibers Fritz Werner und Elisa Mathilde Fischer geboren. Die Mutter heiratet 1928 den Maler Josef Kratzer. Die junge Familie zieht in die Donauwörtherstraße 155. Werner hat noch zwei jüngere Halbgeschwister, Ignaz und Elisabeth.

Wegen einer starken körperlichen und geistigen Beeinträchtigung kommt Werner Fischer am 15. September 1930 im Alter von 3 Jahren in die St. Josefskongregation nach Ursberg.

Am 19. November 1940 wird Werner Fischer im Alter von 13 Jahren auf Veranlassung der sog. „Zentraldienststelle“ in Berlin von Ursberg in die Heil- und Pflegeanstalt in Kaufbeuren überwiesen. Diese Dienststelle in Berlin, Tiergartenstraße 4, eingerichtet auf Veranlassung der „Kanzlei des Führers“ ordnet  die massenhafte Verlegung von Patienten aus den karitativen Anstalten wie Ursberg, Lautrach und Holzhausen nach Kaufbeuren an. 3 Gutachter in Berlin entscheiden anhand der aus den Heil- und Pflegeanstalten eingereichten Personalformulare am „grünen Tisch“,  wer von den Patienten getötet werden soll.
Ab August 1940 erfolgt auf diese Weise die „Verlegung“ nicht „lebenswerter“ bzw./und „nicht arbeitsfähiger“ Patienten in die Vernichtungsanstalten Grafeneck , Hartheim, Hadamar, Sonnenstein/Pirna, Brandenburg/Havel, Bernburg/Saale und deren Ermordung.  

Von  Januar 1940 bis zum Abbruch der Aktion im August 1941 werden 70.273 Menschen durch diese „Aktion T-4“ ermordet.

Staatsanwälte und Richter waren von dieser Aktion ebenso informiert wie die Vertreter der Städte und Kommunen.

Werner Fischer kommt von Ursberg am 19.11.1940 nach Kaufbeuren.  Ein halbes Jahr später, am 4. Juni 1941,  wird er mit 69 weiteren Patienten aus Kaufbeuren mit den Grauen Bussen in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz transportiert und dort am gleichen Tag mit Gas ermordet.

11 weitere Personen aus Augsburg und der näheren Umgebung befinden sich auf dem Tötungstransport, nämlich Atterer Josef aus Inningen,  Betzel August; Heinle Johann; Heinzelmann August aus Bonstetten, Henle Ludwig; Hutner Ludwig; Mayer Johann aus Gersthofen; Mittl Wilhelm; Off Pius aus Bonstetten; Port Richard und Schindele Karl.

Die Behörden in Augsburg erhalten vom Standesamt Hartheim die Nachricht, dass Werner Fischer am 17. Juni 1941 in Hartheim bei Linz verstorben sei.

In eigens eingerichteten Standesämtern fälschen die Nazis das Todesdatum und Todesursache, um die Massenmorde zu vertuschen.

Am Tag darauf, dem 5. Juni 1941,  erfolgt die „Verlegung“ von 71 Frauen aus Kaufbeuren nach Hartheim und deren Ermordung.

 

Ludwig Miehle, geb. am 21.5. 1895, röm.kath., ermordet in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren am 1.10.1944 als Opfer der sog. „Dezentralen Euthanasie“, Stolperstein in der Rugendasstraße 3

Verlesung der Biografie durch: Annalena Füller und Felicia Nagler, 9a

Sänger und Musiker des Maria Stern Gymnasiums 

Lehrer:    Bernhard Ledermann und Oliver Schönwälder

Ludwig Miehle ist der erstgeborene Sohn des Fabrikschlossers Remigius Miehle und seiner Ehefrau Anna Miehle, geb. Trinkler. Ludwig hat einen 10 Jahre jüngeren Bruder Michael.

Am 2.April 1900 zieht die Familie in die Rugendasstraße 3a. Als Anna Miehle 1916 verstirbt, bittet Remigius Miehle um Aufnahme seines Sohnes Ludwig in die Anstalt Ursberg. Dem Antrag seines Vaters wird aber nicht stattgegeben, so wohnt sein Sohn weiterhin bei ihm.

Ludwig ist Epileptiker, zwergwüchsig, und als Folge der Epilepsie geistig beeinträchtigt. Ludwig hat die Hilfsschule besucht, er kann lesen und schreiben. Er ist vielseitig interessiert und überaus kommunikativ. Insbesondere  interessiert er sich für Politik.

Am 22. September 1932 wird Remigius Miehle bzw. sein Sohn Ludwig Miehle beim Bezirksarzt der Stadt Augsburg anonym denunziert, weil er in der Wirtschaft zum Thorbräu angeblich zu viel trinke und die Gäste Dummheiten mit ihm veranstalten. Der anonyme Briefschreiber, ein häufiger Besucher im Thorbräu,  empfiehlt die Verbringung Ludwig Miehles in eine Heilanstalt.

Der Vater wehrt sich gegen die anonymen Anschuldigungen. Der Bezirksarzt erteilt dem Vater eine Abmahnung wegen des Alkoholgenusses seines Sohnes, belässt diesen aber in der „offenen Fürsorge“ und empfiehlt eine Beratung für Nerven- und Gemütskranke.

 

Einige Jahre später, am 11. April 1939 wird Ludwig wegen eines Schlaganfalls ins Städtische Krankenhaus Augsburg eingewiesen. Als Folge bleibt eine Lähmung am rechten Fuß. Er kann kaum noch laufen. Als Anfang Juni 1944 Medizinalrat Dr. Messner eine Verschlechterung des körperlichen und psychischen Zustandes von Ludwig Miehle feststellt, wird er am 6. Juli 1944 in die Heil- und Pflegeanstalt nach Kaufbeuren überwiesen. Sein Vater besucht ihn dort mehrfach.

Vier Monate später, am 1. Oktober 1944 ist Ludwig Miehle tot, angeblich ist er an Bronchopneumonie verstorben. Heute wissen wir, dass Ludwig Miehle mit einer Überdosierung von  Medikamenten ermordet worden ist. Die Pfleger und Ärzte verabreichten ihm, wie 1572  weiteren Patienten in Kaufbeuren und Irsee, Luminal bzw. Skopolamin.

Der Krankenpflegerin Pauline Kneissler wird in Irsee eine eigene Tötungsabteilung eingerichtet, auf der sie Patienten zu Tode pflegt. Das Morden hatte sie in Grafeneck und Hadamar erlernt. In der „Zweigstelle“ Irsee fanden 780 Menschen den Tod.
 

Nach der Einstellung der sog. „Aktion T-4“ im August 1941, der Ermordung von körperlich und geistig beeinträchtigten Patienten in 6 Tötungsanstalten, wurde auf Vorschlag des Kaufbeurer Anstaltsleiter Dr. Valentin Falthauser ab 30. November 1942 der sogenannte „Hungerkost-Erlaß“ in allen bayerischen Heil-und Pflegeanstalten durchgesetzt.

Nach diesem sollten alle „arbeitsunfähigen“ Patienten durch Mangelernährung entkräftet werden. Der Großteil der kranken Menschen starb an den Mangelerscheinungen oder entsprechenden Folgeerkrankungen.

Die verabreichte Kost enthielt keine Kohlenhydrate, kein Fett, kein Fleisch und nur wenig Brot. Durch die Umstellung der Mahlzeiten stieg die Sterblichkeitsrate in den Anstalten Kaufbeuren und Irsee in den Jahren 1942-1945 signifikant an.

Die Entzugskost im Verbund mit Luminal trug maßgeblich zur Schwächung des Allgemeinzustandes von Ludwig Miehle bei, führte zu seiner Lungenentzündung und einer erheblichen Gewichtsabnahme.

 

Max Franz Josef Schwarzenberger, röm. kath., geb. am 15. Mai 1905 in Augsburg, ermordet in Hartheim/Linz am 28. Mai 1942, Opfer der „Aktion 14f13“, Stolperstein in der Rosengasse 2

 

Verlesung der Biografie durch: Lisa Schmied und Anne Lingener, 10b

Musiker:  Matthias Falch und Mia Kastner, beide 8a, Felicitas Hegele 10a

Lehrer:    Dr. Christina Drexel und  Oliver Schönwälder

 

Max Schwarzenberger ist am 15. Mai 1905 in Augsburg-Kriegshaber geboren. Seine Eltern sind der Straßenbahn-schaffner Gottfried Franz und seine Mutter Ottilie Schwarzen-berger. Die Familie zählt zu der seit Jahrhunderten diskriminierten Gruppe der Sinti und Roma und wohnt in der Saarburgstraße 20. Max hat keine Geschwister.

Max erlernt den Beruf des Kaminkehrers. Am 15. Juni 1938 wird er von den Nazis erstmals auf Anordnung der Kripo Augsburg in „Schutzhaft“ genommen. Er ist in keiner Partei, aber infolge der Zugehörigkeit zu einer diskriminierten Minderheit mehrfach vorbestraft wegen trivialer Vergehen, z.B. Gewerbeübertretungen, Bettelei, Trunkenheit.  Insgesamt muss er 1 Jahr Haft im Gefängnis absitzen. Am 15.Juni 1938 wird er wiederum verhaftet. Max gilt als Häftling der Kategorie AZR, „Arbeitszwang Reich“, unter welcher Wanderarbeiter, Obdachlose, Bettler, Landstreicher, Alkoholiker, Kleinkriminelle und sogar Personen fallen, die mit Unterhaltszahlungen im Rückstand sind. Die Personengruppe der sog. „Asozialen“ soll im KZ „umerzogen“ werden. Alle Personen dieser Kategorie galten als „gemeinschaftsfremd“, weil sie die Erwartungshaltung der „Volksgemeinschaft“ nicht erfüllen konnten und „abweichendes Verhalten zeigten.
Im Rahmen der „Umerziehungsmaßnahmen“ wird Max Schwarzenberger wie andere sog. „Asoziale“ unter der Aktion „Arbeitszwang Reich“ (AZR) von einem KZ ins andere „verschubt“.
Aufenthalte von Max Schwarzenberger in Konzentrationslagern:
Seit 20.6.1938 Haftanstalt Augsburg
1. Juli 1938 „Verschubung“ ins KZ Dachau
21.3.39 KZ Mauthausen als „Vorbeugehäftling“
17.2.40 KZ Dachau
8.9.40 KZ  Sachsenhausen
16.9.40 KZ Dachau als ASO (=Asozial)
11.12.40 KZ Buchenwald
7.3.41 KZ Groß-Rosen (KZ Sachsenhausen)
20.6.41 KZ Dachau. Die häufigen Überstellungen sind Spiegelbild des  Arbeitskräftebedarfs und der gnadenlosen Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge.

Am 28. Mai 1942 erfolgt ein sogenannter „Invalidentransport“ von 60 Personen von Dachau nach Hartheim/Linz. Der Augsburger Max Schwarzenberger befindet sich auf dieser Liste. Nicht mehr arbeitsfähige KZ-Häftlinge werden in diesen sogenannten „Invalidentransporten“ nach Hartheim deportiert und in der Regel am gleichen Tag vergast. Annähernd 12.000 Menschen werden im Rahmen der „Aktion 14f13“ im Schloss Hartheim ermordet. Die sterblichen Überreste von Max Schwarzenberger werden 1949 auf den KZ Ehrenhain im Westfriedhof in Augsburg beigesetzt.
 

Ausführliche Biografien zu Werner Fischer, Ludwig Miehle und Max Schwarzenberger unter www.gedenkbuch-augsburg.de

 

Biografien erstellt von StD Dr. Bernhard Lehmann, Gegen Vergessen-Für Demokratie, RAG Augsburg-Schwaben

 

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