Das Mutterkreuz von 1938

Natalie Wipfler und ihr Objekt: das Mutterkreuz (Foto: Twain Stolz)
Wertingen: Heimatmuseum | Das Eiserne Kreuz, das als Kriegsauszeichnung an Soldaten für besondere Leistungen im Zweiten Weltkrieg vergeben wurde, ist wohl vielen ein Begriff. Dass es eine NS-Auszeichnung auch für Mütter gab, dürfte dagegen weniger bekannt sein.
Natalie Wipfler, geboren am 7. Oktober 1998 in Wertingen und seit 2018 Studierende an der Universität Augsburg (Fächerwahl Geschichte und Kunst- und Kulturgeschichte), absolvierte im August ein einwöchiges Praktikum im Stadtarchiv und im Heimatmuseum Sie hat sich das sogenannte „Mutterkreuz“ als Lieblingsobjekt ausgesucht. Es ist interessant, dass Frauen in der NS-Zeit eine solch tragende Rolle spielten, so dass sie ebenfalls die Möglichkeit auf Auszeichnungen hatten, die meist nur Männern vorbehalten war.
Das Mutterkreuz wurde am 16. Dezember 1938 von Adolf Hitler gestiftet. Das Ehrenkreuz erhielten kinderreiche Mütter, die gemäß der NS-Ideologie mit ihrer Leistung essentielle Dienste für das Dritte Reich erbracht hatten, indem sie - so der nationalsozialistische Sprachjargon – das „arische Blut“ vermehrten. Für viele Frauen war der Orden eine Motivation, dem Reich möglichst viele Kinder zu schenken.
Diese Auszeichnung war in drei Stufen unterteilt. Die dritte Stufe in Bronze wurde an Mütter mit vier oder fünf Kindern vergeben, die zweite Stufe in Silber an Mütter mit sechs oder sieben Kindern und die erste Stufe in Gold, wenn sie acht oder mehr Kinder hatten.
Allerdings war nicht jede Mutter im Reich für das Mutterkreuz qualifiziert. Voraussetzungen für den Erhalt dieses Ehrenkreuzes waren, dass die Kinder „deutschblütig“ und „erbtüchtig“ waren sowie lebend geboren wurden und die Mutter der Auszeichnung würdig war („erbgesund“, „sittlich einwandfrei“). Gemäß der NS-Rassenideologie wurden dadurch jüdische Mütter oder Mütter mit behinderten Kindern ausgeschlossen.
Das Mutterkreuz besteht aus einem blau emaillierten Kreuz mit weißem Rand und einer mittigen weißen Scheibe. Auf der Scheibe befindet sich ein schwarzes Hakenkreuz und darum steht geschrieben: „Der Deutschen Mutter“. Rund um das Kreuz befindet sich ein Strahlenkranz. Das Ehrenkreuz hängt an einem weiß-blauen Leinenhalsband. Somit konnte das Mutterkreuz von der Ausgezeichneten um den Hals getragen werden.
Auf der Rückseite des Ehrenkreuzes ist das Datum der Stiftung, der 16. Dezember 1938, und die Unterschrift Hitlers eingraviert.
Zum Zeitpunkt der Stiftung wurde ein Rundschreiben an alle Bezirksämter (Landratsämter) ausgegeben, worin die Ehrenkreuze erklärt werden und wie diese Auszeichnungen angefordert werden können.
Allein im Jahr 1940 wurden in Wertingen 67 Mutterkreuze bestellt. Zusätzlich zur Auszeichnung bekam die Trägerin eine Urkunde über den Besitz des Kreuzes ausgestellt.
Die Verleihung wurde nur an einem bestimmten Tag im Jahr abgehalten. Wie beispielsweise aus dem Lieferschein für Wertingen von 1940 hervorgeht, wurde die Ehrung immer am Muttertag vollzogen. Allerdings rechnete man zunächst nicht mit so einer großen Anzahl an auszeichnungsberechtigten Frauen, so dass bei der ersten Verleihung nur Mütter, die älter als 60 Jahre waren, geehrt wurden. Die übrigen Mütter bekamen ihr Ehrenkreuz am Erntedankfest desselben Jahres.
Schätzungen zufolge wurden in der Zeit des Dritten Reichs über 10 Millionen Mutterkreuze vergeben.
Da auf der Auszeichnung ein Hakenkreuz abgebildet ist und es somit zu den verfassungsfeindlichen Propagandamitteln gehört, ist das Tragen oder Verbreiten seit 1957 nach dem Gesetz über Titel, Orden und Ehrenzeichen nicht zulässig.
Zwei Mutterkreuze können im Heimatmuseum Wertingen neben vielen weiteren sehenswerten Exponaten der Kriegsgeschichte betrachtet werden. Auch im Stadtarchiv kann man anhand von einigen aussagekräftigen Dokumenten den Prozess nachvollziehen, wie es zur endgültigen Verleihung kam.

Natalie Wipfler
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