Mühlengeschichte an der Zusam: Der Rücklenmüller sägte die Brücke an – die Plünderer ersoffen

Die Rücklenmühle in Zusmarshausen kurz vor dem Abbruch. Repro: Guisez
 
Mit Ochsengespannen fuhr man damals an der Mühle vor. Repro: Guisez
 
Am Hotel Bett’n Glück erinnert ein Mahlstein an die Vergangenheit, als in der Nachbarschaft die Rücklen-Mühle arbeitete. Foto: Monika Saller

Wo heute Jugendliche zelten und am Lagerfeuer sitzen, wurde früher Mehl gemahlen. Eine Geschichte über Müllersleute, einen Schutzheiligen und die Schweden.

Von Gustav Guisez
Etwa 30 Kilometer westlich der Fuggerstadt dominiert im Dunstkreis des 11,5 Hektar großen Roth-Badesees als einer der Hauptanziehungspunkte des Naturparks Augsburg Westliche Wälder, der zwischen Zusmarshausen und Gabelbach gelegene „Jugendzeltplatz Rücklen-Mühle.“ Der letzte Müller auf der „Rücklen“ war Karl Schrempfer, der 1971 aus Altersgründen das Mühlengut an den „Zusamsee-Zweckverband“ veräußerte. Das Hofgebäude mit der traditionsreichen Mahlmühle und auch die Nebengebäude fielen dann 1980 der Spitzhacke zum Opfer. In den Jahren 1983/84 erfolgte nach Planierung des Geländes die Planung des Zeltplatzes. So hat nun die Jugend Besitz von dem geschichtsträchtigen Platz ergriffen. Bei fröhlichen Spielen, Schnitzeljagd, Zeltlager-Romantik mit Lagerfeuer und herzhaftem Gesang ist an dem Ort, welcher in der Region stets eine bedeutende Rolle gespielt hat, wieder neues Leben eingezogen. Nachts, wenn im silbernen Mondlicht die Wellen der Zusam ans Ufer sprühen, hört es sich für romantische Naturen an, als blase Triton, der fischleibige Sohn Poseidons in eine Muschel. So ist nichts, absolut nichts, übrig geblieben, was an die einstige Mahlstätte erinnert, alles bleibt still und geheimnisvoll.

Mühlen-Idylle

Vorbei ist die Zeit, wo sich der Rücklen-Müller mehlbestaubt’ weiß wie ein Clown, aus der Mahlstube beugte, um die Bauern zu begrüßen, die ihm ihr Korn zum Mahlen anvertrauten. Die einstige Mühle stellte einen wunderschön gelegenen, von Erlen und Weiden umschmeichelten Bau dar, mit einem Wort ein idyllisches Plätzchen. Die Sonnenblumen am Zaun des Bauerngartens begrüßten schon von weitem mit Kopfnicken den Besucher. Auch meldeten die immer wachsamen Gänse schnatternd und zischend, neben dem Hofhund, jeden, der zu dieser Einöde kam.

Hohe Abgaben

Die Geschichte dieser Mahl- und Sägemühle entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Als Christoph Columbus 1492 auszog, um den Seeweg nach Indien zu suchen, drehte sich schon über 55 Jahre das archaische wassersprühende Mühlrad der späteren Rücklen-Mühle. Aus dem Jahre 1437 stammt der erste urkundliche Vermerk, dass die Mühle samt einigen Gabelbacher Gütern von dem Augsburger Patrizier Zacharias Rudolff für 1800 Gulden an das Hospital von Heiligen Geist verkauft wurde. Unter dem strengen Regiment des Vogtes der geistlichen Herrn mussten die Abgabepflichtigen Mahl-, Säge- und Ölmüller an Gilt (Steuer bzw. Naturalabgaben) damals acht Pfund Pfennige, fünf Schaff Roggen, vier Schaff Hafer, 12 Herbst hühner, vier fette Gänse, ein Fastnachtshuhn und 100 Eier abliefern und das bis zu der 1803 erfolgten Säkularisation. Der abgelegene Mühlenhof bestand aus 18 Tagwerk Äcker, sechs Tagwerk Wiesen und etwas Wald. Später als Hans Langer um 1590 das Mühlenanwesen bewirtschaftete, kam durch Landkauf noch etwas dazu.
Langer stellte eine Persönlichkeit von überragenden Ausmaß dar. Aus dem Württembergischen kommend, hatte er hier als Mahlknecht und Sägeknecht angefangen.
Dann nahm ein Liebesfrühling von seltener Schönheit seinen Anfang und zog ihn ganz in seinen Bann. Die blonde Tochter des Müllers, welche von ihrer Mutter wie von einem Cerberus bewacht wurde, hatte ihm ihre Zuneigung geschenkt. Für ihn hing der Himmel voller Geigen, aber bei all den wundersamen Tagen vergaß Hannß Langer die Müllerei nicht, in der er ein großer Könner war.

Der Schwedensteg

Damals, als die Schweden kamen, standen die Zeichen auf Sturm. Vergessen ist heute der „Schwedensteg “, welcher um 1632 den Fluss hier überquerte. Wohlweislich hatte der Müller den schmalen hölzernen Übergang angesägt und als tatsächlich bei Nacht und Nebel schwedische Dragoner über das Brücklein stürmten, um in der „Rücklen“ zu rauben, krachte der hölzerne Übergang unter der Last zusammen und die Plünderer ersoffen jämmerlich. Tage später gab das dunkle Wasser des Flusses die Leichen von sechs Schweden frei. Seitdem hieß das kleine, bald wieder aufgebaute Brücklein, das sich im Wellenspiel der dahineilenden Zusam spiegelte, der „Schwedensteg“. Hier soll auch die Figur des heiligen Nepomuk gestanden haben.
Wie eine Oase der Seligen träumte die schöne Mühle Jahrhunderte dahin. Zauberharte Wasserrosen tanzten mit bunten Libellen zusammen im nahegelegenen Altwasser wie Feenköniginnen in der archaischen Flusslandschaft auf und ab. Ein Dorado für Teichrohrsänger bildete der Schilfgürtel am Uferstreifen, wo die Insektenjäger zwischen Schilfstängeln ihre kunstvollen Nester bauten.

Tragisches Unglück

Am St. Gallentag 1767 erwarb der Elmischwanger Müller Franz Schweikart das Anwesen. Dieser Müller schien ein Philosoph gewesen zu sein, malte er doch höchstpersönlich über den Eingang zur Mahlstube den Spruch: „Willst du Geld, dann musst du erben/ Willst du Lob, dann musst du sterben...“ Bei dem Jahrhunderthochwasser am 27. Oktober 1778 musste er dann erleben, wie die Zusam zu einem reißenden Strom anschwoll, sein Hab und Gut schwer beschädigte, geschnittenes Holz davonschwemmte und Mehl mit Kornvorräten verderben ließ. Bei den Sicherungsarbeiten in den aufgewühlten Fluten holte er sich den Tod. Und so, wie er es selbst über seine Mühle geschrieben, wurde er vom Pfarrherrn auf dem Gottesacker gelobt.
Auf die Familie Schweikart folgten anno 1836 drei Generationen der Müllerdynastie Rueß. Von 1925 bis 1955 trat Eduard Wiedemann als Rücklen-Müller ins Licht der Geschichte. In seiner Ära brannte es 1925 und 1936. Wiedemann war es auch, der nach dem letzten Großfeuer Gebäulichkeiten und Mühleneinrichtung neu erstellte und modernisierte. Ihm folgte 1955 der Mühlenfachmann Karl Kindler, der bald an den Lainger Strumpffabrikanten Bahner verkaufte. Dann ging die alte Mühle 1959 an Karl Schrempfer über.
Längst ist die Statue des Heiligen Nepomuk, die lange Zeit mit etwas elegischem Blick an der Brücke über die nun verlorene Schönheit der Rücklen-Mühle wachte, verschwunden. Doch wie eine Botschaft aus dem Dunkel der Geschichte ist für uns das Wissen über das Vergangene geblieben. Ein Mahlstein an der Vorderfront des nahegelegenen Landhotels erinnert auch noch an die Vergangenheit dieses behäbigen Mühlenhofs.
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Sabine Presnitz aus Schwabmünchen | 13.11.2019 | 19:09  
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