Volkssternwarte Streitheim - Eisensteine und schwarze Löcher

Die Volkssternwarte Streitheim beschäftigt sich nicht nur mit dem Nachtleben am Himmel. Auch Sonnendaten spielen eine Rolle. Foto: Monika Saller
 
Wände, Decken, einfach alles in der Sternwarte ist voller astromischer Highlights. Die Kinder einer Geburtstagsgesellschaft lauschen und stellen viele Fragen, auch zum Sonnensystem. Foto: Monika Saller
 
Ein Modell das genau zeigt, wie Mond, Sonne und Erde zueinander stehen können und weshalb wir den Mond manchmal nicht sehen. Foto: Monika Saller
 
Unglaublich schwer. Dieser Meteoriten-Brocken ist aus Eisen und Nickel. Foto: Monika Saller

Einen perfekten Ort für ihre Volkssternwarte haben die Mitglieder der Astronomischen Vereinigung Streitheim gefunden. Für alle Altersgruppen ist die Astronomie hier seit 20 Jahren erlebbar. Ein besonderes Gerät macht das Observatorium einzigartig in der Region.

Die Geburtstagsgesellschaft aus Neunjährigen sitzt andächtig lauschend im winzigen Gebäude ganz am Ende der Weilerhofstraße in Streitheim. Mit Fackeln sind sie heraufmarschiert, um von diesem Ort aus ganz weit hinaus zu reisen ins große Universum. Dirk Schmalhorst, der zweite Vorstand der Astronomischen Vereinigung Streitheim, hat sich für seine Besucher in Schale geworfen. Er trägt das komplette Planetensystem in bunten Farben auf seinem Hemd. Auch bei den Kindern gibt es Statements auf der Kleidung: eine Rakete sieht man da zum Beispiel.
Doch zunächst geht es von Streitheim über Deutschland und Europa zur Weltkarte. Jeder verfügbare Platz an den Wänden und sogar an der Decke des Raumes ist Ausstellungsort für Fotos, Grafiken und viele weitere Objekte, die das Weltall und eben auch die Erde erläutern. Schon an den Außenwänden ist viel Information anschaulich dargestellt. Unter anderem kann man vor der Türe einen Suevit ansehen, einen schwäbischen Stein, nur zu finden im Rieskrater, entstanden durch einen Meteoriteneinschlag.

Reise zum Mond

Aus astronomischer Sicht kommt nun ein eher kleiner Schritt ins All: Der Mond ist uns so nahe und vertraut wie nichts anderes im Universum. Man kann ihn deutlich sehen und schließlich ist das bisher der einzige Himmelskörper, den Menschen je betraten um von dort Gesteinsproben, Bilder und Eindrücke mitzubringen. Die Kinder bestaunen den Mondglobus, auf dem man Krater und Ebenen sehen kann. Seltsame Namen haben sie, die Orte auf dem Mond: Da gibt es ein „Mare Tranquillitatis“, ein Meer der Ruhe, weil es von hier eben genau so aussieht. Ganz im Gegensatz zum „Oceanus Procellarum“ dem Ozean der Stürme, der seinen ausgefransten Rand wohl irgendwann von überschwappender Lava erhielt. Ein Modell erläutert sehr anschaulich wie das funktioniert mit den Mondphasen, warum wir den Mond nicht immer gleich rund sehen können. Außerdem hören die Besucher, dass auch die meisten Planeten im Sonnensystem Monde haben die sie umkreisen – manche ganz viele davon.

Mars-Rekord


Da man seit einigen Jahren auch den Mars schon ziemlich anschaulich beschreiben kann, man beispielsweise dort Wasservorkommen, zumindest in der Vergangenheit und aktuell (gefroren) unter der Oberfläche vermutet, und die Geologie erforscht hat, kommt nun ein erster Größenvergleich für die Grundschüler: Wie hoch ist der größte Berg auf der Erde? Gibt es anderswo größere? Die Kinder machen eifrig mit, stellen Fragen, wissen aber auch schon viel: Der Olympus Mons auf dem Mars ist der höchste bekannte Vulkan und mit seinen 27.000 Metern Höhe mehr als dreimal höher als der Mount Everest. Es gibt hier ein Foto davon. Auch vom Mars gibt es Gesteinsproben auf der Erde – gefunden, analysiert und verglichen mit Analysen von Gestein auf dem Mars durch Raumsonden. Andere Bilder zeigen weitere Besonderheiten unserer Planeten, die man fotografisch festhalten kann. Den GRF zum Beispiel, den großen roten Fleck auf dem Jupiter, kann man zwischen den farbigen Bändern, die den Planeten umgeben, gut sehen. Die Bänder sind Stürme, die sich in verschiedene Richtungen bewegen. Der Fleck dagegen ist ein riesiger Wirbelsturm. Mehr als zwei Erden hätten darin Platz. Seit gut 140 Jahren gibt es Fotos vom Jupiter und seit mehr als 400 Jahren richten wir Teleskope auf ihn.

Sonnensystem

Nun wird es sportlich in der Sternwarte. „Bitte alle einmal den Stuhl nach links drehen“, empfiehlt Dirk Schmalhorst. Kaum geschehen, sitzen die Kinder vor einem Modell unseres Sonnensystems. Wieder Größenvergleiche. Die riesige Sonne, die nur als Ausschnitt zu sehen ist, die unterschiedlich großen Planeten bis zum winzigen Kügelchen, das den Zwergplaneten Pluto abbildet. Die Entfernungen der Himmelskörper zueinander sind hier nicht darstellbar. „Wer weiß, welcher Planet am nächsten zur Sonne steht?“ will der Experte wissen. Hände fliegen nach oben – der Merkur! Sicher haben die ebenfalls mit Expertenwissen ausgestatteten Kinder den Merkspruch im Kopf: „Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unseren Nachthimmel.“ Die Anfangsbuchstaben der Wörter führen nämlich zum Ergebnis. 2006 musste der Text geändert werden, denn den neunten Planeten, der dort vorkam, hat man zum Zwerg erklärt. Schmalhorst erläutert, warum: Die astronomischen Wissenschaftler haben immer bessere technische Möglichkeiten, im Weltall auf die Suche nach neuen Erkenntnissen zu suchen. Dabei finden sie ständig neue Himmelskörper. Der Pluto ist so klein wie viele andere inzwischen bekannte Zwergplaneten. Sie alle im Sonnensystem darzustellen, würde dieses völlig unübersichtlich machen.

Nicht von dieser Welt

Astronomie zum Anfassen – für die Kinder besonders spannend: Steine werden herumgereicht, die kein bisschen so sind wie Steine, die wir hier auf der Erde kennen. „Vorsicht, sehr schwer, nicht fallen lassen“, warnt der Sternenkundler. Die Gäste sind trotzdem überrascht vom Gewicht des Objektes, das sie nun in Händen halten. Als sie es umdrehen, sehen sie warum. Der aufgeschnittene Brocken besteht aus Eisen und Nickel. Die Form entsteht, wenn ein Meteorit durch die Atmosphäre der Erde dringt und dabei so stark erhitzt wird, dass er größtenteils verglüht und die Reste eben verschmelzen. Viele solche Objekte hat die Sternwarte ausgestellt. Manche sehen an ihrer polierten Schnittfläche mit ihren kristallinen Strukturen oder andersfarbigen Einschlüssen aus wie Schmuckstücke vom Juwelier.

Vom Suchen und Finden

Besonders stolz ist man dabei auf ein Objekt namens „Neuschwanstein“. Tatsächlich, in der Nähe des Schlosses, fand man 2002 zum ersten Mal nach einer Aufzeichnung des Meteoriten mit einer Kamera und den richtigen Berechnungen danach, drei Teile des Weltraumgesteins. Das Recht in Deutschland, solche Funde betreffend, ist kompliziert: Wer einen „Schatz“ findet, darf ihn nur zur Hälfte behalten. Die andere Hälfte gehört in diesem Fall dem Land Bayern. Der erste Stein wurde dem Finder abgekauft und konnte so als Ganzes erhalten werden. Man kann ihn besichtigen im Rieskratermuseum in Nördlingen. Der zweite Stein wurde in Scheibchen geschnitten und ist nun in vielen Museen und Sternwarten ausgestellt. Eines dieser Teile, aufwändig in Messing gefasst, kann man in Streitheim bestaunen. Später wurde noch ein drittes Fragment gefunden, in unzugänglichem Gelände auf österreichischem Boden. Man geht davon aus, dass weitere Teile bis zum Erdboden gekommen sind, doch ihr Auffinden gilt als unwahrscheinlich.

Wahre Größe

Raus aus dem Sonnensystem – dafür drehen die Kinder ihre Sitzreihen ein Stückchen weiter. Nun sehen sie ferne Galaxien, aufgenommen mit Spezialkameras, die durch Teleskope fotografieren. Die bunte Welt weit weg von unserem Sonnensystem kann man mit bloßem Auge nicht sehen, außer man ist an einem besonders dunklen Ort – dann erscheint auch uns wenigstens ein Stück der Milchstraße. „Was ist groß“, fragt Schmalhorst. „Ist die Sonne groß?“ Natürlich ist die Sonne groß, ist die Antwort der jungen Forscher, die nur ein wenig nach rechts schauen müssen, um sich das Modell des Sonnensystems noch einmal ins Gedächtnis zu holen.
Doch es geht noch viel, viel größer, erfahren sie staunend. Denn über einige große Sonnen landet man beim größten bekannten Stern: Der Radius von VY Canis Majoris beträgt etwa das 1800- bis 2100-fache des Sonnenradius. Die Sonne ist also ein kleines Kügelchen und die Erde ein Sandkorn! Weil das Weltall so unendlich groß ist, hat man die Maßeinheit Lichtjahre erfunden. Ein Lichtjahr ist die Entfernung, die das Licht in einem Jahr zurücklegt. Wenn Sternenlicht bei uns ankommt, das schon vor einigen Lichtjahren ins All gestrahlt wurde, ist das für uns eine Art Zeitreise, denn wir blicken in die Vergangenheit zurück.

Eine wichtige Frage

„Was ist ein schwarzes Loch?“ Das wollen die Kinder jetzt wissen. Große Sterne können sterben, in einer gewaltigen Explosion, die man Supernova nennt. Übrig bleibt manchmal ein sogenanntes schwarzes Loch, das die Eigenart hat, alles an Materie und sogar Licht anzusaugen, was sich in seiner Reichweite befindet.
Die Kinder dürfen auch ein Bild sehen von einem schwarzen Loch. Es sieht ein wenig aus, wie ein Wirbelsturm in Rosa, mit einem großen – eben tiefschwarzen Loch in der Mitte. Was mit den Objekten passiert, die dort verschwinden, weiß man noch nicht. Denn was im schwarzen Loch gelandet ist, kommt nicht zurück. Gleich kommt die logische Frage nach der Gefahr für die Erde und die Menschen. Die Bedenken der jungen Gäste kann Schmalhorst schnell ausräumen: „In der Nähe der Erde befindet sich nirgends ein schwarzes Loch und unsere eigene Sonne lebt noch Milliarden von Jahren.“

Astronomische Pergola

Nachdem die Kinder noch gezeigt bekommen haben, wo sie im Internet ihr astronomisches Wissen erweitern können, geht es ein paar Schritte die Treppe hinauf zur Beobachtungsebene der Sternwarte. Das Schiebedach bleibt heute zu, schon weil Wolken die Sterne verdecken. Bei gutem Wetter, was hier nicht unbedingt heißt warmem Wetter, werden die beiden Teleskope zum Himmel gerichtet und das jeweils interessanteste Ereignis der Nacht angepeilt. Beide optischen Geräte (Linsen- und Spiegelteleskop) stehen jeweils auf einem eigenen Fundament, das nicht mit dem des Gebäudes verbunden ist. So ist ein Verwackeln des Himmels ausgeschlossen.
Ein ganz besonderes optisches Instrument hat die Volkssternwarte außerdem zu bieten: Sie ist einer von nur 14 Standorten in Deutschland, dem eine Meteoritenkamera zur Verfügung steht. Sie nimmt jede Nacht auf und es entstehen Bilder, die den Lauf der Sterne als Kreisbewegung dokumentieren. „Querschläger“ gibt es auch, die zeigen den Niedergang von Meteoriten und können beim Finden der Steine helfen.

Jubiläumsjahr

Seit 20 Jahren kann man von Streitheim aus in den Himmel gucken. Pünktlich zum Jahrhundertereignis, am 11. August 1999, standen die Teleskope bereit. Tagsüber. Denn das Objekt war die verdunkelte Sonne am Tag der absoluten Sonnenfinsternis. Martin Mayer, der Gründer und Bauherr der Sternwarte empfing zum ersten Mal Gäste und das wurde eine Großveranstaltung. Mayer und seine Frau Ottilie waren auch nach der Gründung der Astronomischen Vereinigung 2011 Sponsoren der Sternwarte.
„Als bemerkenswertestes Erlebnis sehe ich die Marsopposition 2003, wo mehr als 1000 Leute pro Tag an unserem Standort gewesen sind. Wir hatten zwei Tage Ausnahmezustand in Streitheim. Der halbe Ort war mit Autos verstopft. Das Ereignis an sich war schon sehr beeindruckend. Die durch den Medien-Hype ankommende Menschenmenge machte dieses zu einem unvergesslichen Erlebnis.“ So erinnert sich Markus Schnöbel, der derzeitige Vereinsvorsitzende an ein außergewöhnliches Himmelsereignis. Seit der Gründung kamen Besucher zu allen großen Himmelsereignissen, aber auch der Kindergarten, Schulen oder interessierte Erwachsene füllen regelmäßig bei vereinbarten Gruppenführungen die Räume der Sternwarte.
Das dazugehörige Planetarium wird derzeit überholt und soll erst im nächsten Jahr wieder Bilder zaubern. Doch für Schnöbel ist das keineswegs ein Nachteil. „Die Sternwarte ist im Allgemeinen eine volksbildende Einrichtung und unterscheidet sich hierbei oft deutlich von modernen Planetarien, die mit ihren Fulldome Videoshows teilweise kinoähnlich sind. Wissen bleibt dabei aber meist nicht viel hängen, da es einfach zu schnell geht.“
Die jungen Sternengucker jedenfalls, verlassen müde aber zufrieden das Gebäude. Draußen ist es dunkel. Sehr dunkel. Ohne Lampe traut man sich keinen Fuß vor den anderen zu setzen. 
Der perfekte Ort, um Sterne zu beobachten. Am Sonntag, 17.11.2019, ab 16:00 Uhr ist dafür die nächste Gelegenheit in der Sternwarte Streitheim. Neue Mitglieder sind im Verein immer willkommen!
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