Zusmarshauser Geschichte(n): "Jede Arbeit stirbt mit dem Träger"

Mit diesem Bild wurde Andreas Dursch bekannt. Er ließ es eigentlich für sich selbst machen, es wurde dann allerdings für eine Werbekampagne verwendet. Auf den nachfolgenden Seiten haben wir noch viele weitere Bilder seiner Shootings, für die er sich seine Klamotten samt Accessoires selbst auswählt. (Foto: Centa Wamser)
 
Wenn man(n) am ganzen Körper tätowiert sein will, muss irgendwann auch der Hintern herhalten. (Foto: Privat)
 
Andreas Dursch

Wenn er in der Öffentlichkeit unterwegs ist, fällt er auf. Das liegt nicht nur an seinem leuchtend grünen VW-Bus und an seinem dunklen Vollbart. Das liegt vor allem an seinem bunten Erscheinungsbild. Andreas Dursch ist eine „Leinwand“!

Von Sonja Schönthier
Andreas ist gebürtiger „Zusser“. In Augsburg geboren, am 26. Juni 1980, in Zusmarshausen aufgewachsen und in die Schule gegangen. Kurzzeitig wohnte er in Lechhausen, weil seine Eltern dort eine Gastronomie führten. Aber seine Heimat ist Zusmarshausen. Hier hat er ein kleines Häuschen mit einem riesigen Garten und einer großen Terrasse. Ruhig und im Grünen. Das ist ihm wichtig, das braucht der Maurer.

Erscheint er im ersten Moment wild und rau, so ist er ein ganz bodenständiger, lustiger und relaxter Typ, der gerne anders ist – vielleicht auch gern ein bisschen durchgeknallt.
Trotzdem hätte er von sich selbst nie gedacht, dass er einmal das Werbegesicht von Bartpflegeprodukten oder gar Tattoomodel sein könnte. Auf diese Idee haben ihn eigentlich ein paar weibliche Tattoomodels gebracht, die seine Bilder bei Facebook und Instagram gesehen hatten.

Seine Tattooleidenschaft kann er nicht erklären. Er weiß nicht, woher sie kommt. Er ist auch der Einzige in seiner Familie mit Tattoos. Sogar sein Vater, der früher Schiffskoch war, mag keine Tattoos und hat keine. Die Eltern haben sich aber schon damit abgefunden, dass ihr Sohn da anders tickt und eben teils Oldschool*, teils japanisch tätowiert ist.

Mit Nadel und Tinte gestochen

Andreas kann sich aber noch an sein allererstes Tattoo erinnern: „Das war in der siebten Klasse im Religionsunterricht. Mir war langweilig, also habe ich mir mit Nadel und Tinte selbst einen Stern gestochen“, erzählt er mit einem Lächeln auf den Lippen. Der ist inzwischen aber schon überstochen.

Ja, er hat auch schon sehr früh, im Jahr 2005, mit dem Cover-up* begonnen, also noch bevor es so richtig zum Trend wurde. Es ist nicht das einzige Tattoo gewesen, welches er sich hat entfernen lassen. Auch ein Tribal* am Arm musste bereits einem anderen weichen. „Mir gefällt das Motiv dann einfach nicht mehr und es muss weg.“

„Ganz oder gar nicht!“

So richtig los ging es mit seinen Tattoos im Alter von 18 Jahren. Inzwischen hat er…sehr viele. Er weiß die Anzahl gar nicht – und es sollen noch mehr werden. Sein Ziel ist es, komplett tätowiert zu sein, getreu seinem Motto: „Ganz oder gar nicht!“. Das heißt, auch im Gesicht, „aber da nur mit kleinen Motiven, vielleicht am Auge oder der Schläfe.“ Viel Platz ist dort wegen des Bartes sowieso nicht. Wohl wegen seines Bartes, aber natürlich auch wegen der Tattoos, wurde sein erstes Bild von Fotografin Centa Wamser aus Zusmarshausen so bekannt. Aufgrund dieses Bildes wurde er von einem Vertrieb für Bartpflegemittel angeschrieben, weil man ihn für eine Werbekampagne in einem Tattooheft für Bartpflegemittel haben wollte. Und das hat er natürlich angenommen.

Inzwischen hat er viele verschiedene Fotografen und auch Tätowierer – in Spitzenzeiten waren es schon mal vier Stück jeweils. Der richtige Tätowierer ist sehr wichtig. „Wenn ich mir manche tätowierte Leute anschaue, schüttle ich den Kopf. Die Tattoos sehen einfach nicht mehr gut aus.

Tipp: Erstes Tattoo mit 21 Jahren

Meine Kunstwerke, die teils über 15 Jahre alt sind, sehen halt aus wie gestern gestochen. Aber mittlerweile bin ich da nicht mehr so kritisch, das Tattoo muss halt zum Träger passen und Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Manchmal steckt ja auch eine witzige Geschichte dahinter.“

Fünf bis sieben Sitzungen hat er im Jahr, wo Tattoos besprochen, nach seinen Vorgaben vom Tätowierer gezeichnet, wieder besprochen und dann gestochen werden. Alles genau nach Plan. „Tattoos stechen ist Handwerk und Kunst.“

Ist das wie eine Sucht: Hat man erstmal eines, will man mehr? „Nein“, kommt wie aus der Pistole geschossen. „Das ist Schmarrn, wenn das jemand sagt. Dann würden ja viel mehr Leute volltätowiert herumlaufen. Viele folgen einfach nur einem Trend oder kopieren, sie befassen sich nicht damit. Deshalb rate ich jedem, sich das erste Tattoo erst mit 21 stechen zu lassen. Ich denke, erst in dem Alter weiß man so richtig, was man will. Man ist wesentlich entscheidungsfähiger!“

Tätowierte Frauen ticken anders

Noch zwei Fragen, die beschäftigen: Wie sieht es denn bei so einem zutätowierten Kerl mit den Damen aus? „Ich brauche schon jemanden, der auch tätowiert ist und diese Leidenschaft teilt. Tätowierte Frauen ticken anders, so wie ich eben. Sie muss aber nicht wie ich komplett zugehackt sein, sollte aber schon Interesse und Verständnis für meine Leidenschaft aufbringen.“ Ja, eine Partnerin muss es erst einmal akzeptieren, dass er so bunt ist und noch bunter werden möchte, dass sich sein Leben schon sehr um Tattoos dreht – aber auch um seine anderen Hobbies: Andreas ist im Basketballhobbyverein und Triathletenverein, geht täglich ins Fitness, fährt Longboard, spielt Crossgolf* und nimmt an Survivalruns* teil. Heißt, er ist also täglich gut neun Stunden in der Arbeit als Maurer und geht danach seine „Leinwand straffen“, wie er es nennt, wenn er zum Sporteln geht. „Aber es macht mir Spaß. Alles!“

Und die Schmerzen? Also hat man nach so vielen Tattoos überhaupt noch welche? „Selbstverständlich! Es kommt immer auf die Tagesform und natürlich die zu tätowierende Region an. Aber je älter man wird, desto größer sind die Schmerzen“, sagt er und verzieht schmunzelnd sein Gesicht – und Männer leiden ja bekanntlich etwas mehr!

„Jede Arbeit stirbt mit dem Träger.
Ich lebe weiter auf meinen Fotos!“

Erklärungen

Oldschool: Tattoos der alten Schule; auch Traditionals genannt.
Cover-up: Das Überdecken einer alten Tätowierung.
Tribal: Sie stammen von den indigenen Völkern Polynesiens. Diese Tattoos sind im ursprünglichen Sinne alles andere als reiner Körperschmuck, sondern ein Kulturgut, das Geschichten erzählt und Stammeszugehörigkeit ausdrückt. In Deutschland sind Tribals weit verbreitet – allerdings eher als „Fantasie-Symbol“ und „abstrakte Ornamente“. Das wohl bekannteste Tribal ist das „Arschgeweih“.
Crossgolf: Das ist eine Variante des klassischen Golfs. Es wird allerdings nicht auf Golfplätzen
gespielt, sondern an allen Orten, die ein Spiel zulassen wie beispielsweise in urbaner Umgebung, auf Grünflachen, industriellen Brachflächen oder verlassenen Tagebaugruben.
Survivalrun: Hindernislauf
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